Sport ist Mord

Ich komme drauf, weil Iron Man. Letztes Weekend. In Zürich. Zum letzten Mal übrigens. Nächstes Mal, geht es dann nach Thun. Also die Veranstaltung als solches. Weil für Zürich? Zu demoralisierend. Nicht am Anfang. Nicht die Profis. Das ist ja eigentlich ein schönes Bild. Bis in die letzte Haarspitze durchtrainierte Frauen und Männer. Wenn sie denn noch Haare haben. Weil rasiert. Überall. Wegen der Windschnittigkeit. Oder so. Ein schönes Bild, wenn solche Menschen vom Start weg locker lässig durch die Landschaft hopsen, schwimmen, rennen und pedalen. Und am Ende mit einer Zeit von 8:17:04 frischer durch das Ziel laufen als ich nach nur 20 Minuten aus meiner Lieblingsbar komme. Zum letzten Mal. Der Iron Man Switzerland. In Zürich. Der nächste ist in Thun. Die können vielleicht eher damit umgehen. Weil schön und lässig? Das sind nur die ersten 20 Teilnehmer. Danach beginnt das Desaster. Und wenn dann man dann spätnachmittags durch die City schlendert. Wie viele andere Menschen auch. Dann sehen sie nur noch das hintere Feld. Die hopsen nicht mehr. Oder nur noch ganz selten. Also Bilder gibt es da. Sie werden es nicht glauben. Durch die Innenstadt. Vorbei an den Nobelboutiquen der grossen und sehr teuren Marken. Da kommen sie aus eben einem dieser Läden. Links die Einkäufe. In mehreren Taschen. Rechts die dazugehörige Partnerin. Träumen von einem Glas Prosecco oder zwei oder drei. Und dann hatscht ihnen so ein Zombie direkt vor der Nase vorbei. Und nicht nur einer. Dutzende. Da kann einem der Prosecco schon im Halse stecken bleiben. Da hat man dann gar keine Lust mehr drauf. All diese armen, leidenden Sportler. Darum sagt Zürich nein zu Iron Man 2020. Und schickt sie nach Thun.

Diese Kurzgeschichte ist eigentlich nur der Einstieg. Zum eigentlichen Thema. Welches die brutalste Sportart ist. Dachte ich nämlich auch immer. Iron Man. Oder Boxen. Oder Formel 1. Ich wurde eines Besseren belehrt. Letzen Dienstag erst. Und wirklich. Ich schwör. Es ist das Fahrradfahren. Also Velo. Rennrad, um genau zu sein. Und nicht, dass sie jetzt denken „klar, Recht hat er!“ Es werden ja ab und zu Fahrradfahrer auf freier Wildbahn abgeschossen. Meine Herren. Das auch. Aber wir waren auf der Rennbahn. Einer Radrennbahn. In Zürich. Da ist nix mit freier Wildbahn. Da kommt auch kein 45 Tonner um die Seite und drückt ihnen mal so eben ein Zwillingsrad ins Kreuz und sie damit in den Teer. Mitsamt ihrem Velo. Und trotzdem. Weil, es ist die Sprache. Und das Publikum. Jetzt muss man wissen, es gibt nicht so derart viele Radrennbahnen. Daher kommen die Menschen, die Velofahrer, oft von weiter weg daher. Um hier zu trainieren. Sie haben dann nicht nur ihre Velos im Gepäck. Oft auch noch ihre halbe Entourage. Oder die ganze. Und oft kommen diese Fahrer aus dem benachbarten Deutschland. Und Österreich. Die trainieren dann da. Während die Entourage als Publikum figuriert und dabei zusieht. Jetzt muss man auch noch wissen. Die sind meistens älter. Eine andere Generation. Die Zuschauer. Und in Deutschland und Österreich sind gewisse Themen aus der Vergangenheit. Sagen wir mal, etwas behaftet.

Und wenn dann der Richter, also der, der sagt, welcher Velofahrer denn nun gewonnen hat und welcher nicht. Also wenn der Schweizer ist. Und sich einer etwas eigenen Sprache bedient. Und dazu noch einer der Fahrer Eichmann heisst. Also aus Versehen. Wenn der dann ausscheidet aus dem Rennen und der Richter über Mikrofon ins Rennbahnrund schreit „EICHMANN!! Eichmann wurde soeben ELEMINIERT!!“ Da kann man schon verstehen, dass die gesamte Haupttribüne zusammenzuckt. Kollektiv. Also ziemlich viele. Weil halt noch etwas behaftet. Nicht dass sie meinen das wars jetzt. Oh nein. Der Richter doppelt dann noch nach: „Das wars denn!“ „Jetzt hats ihn erwischt!“
Und wenn dann einer der wenigen Schweizer auf der Tribüne, wenn der dann auch noch neben einem Angehörigen des Eichmanns sitzt. Und der Geschichte nicht so ganz mächtig ist. Wenn der dann zu eben diesem Angehörigen auch noch sagt: „Ach, machen sie sich nichts draus!“ „Der Eichmann, der war halt nicht effizient genug!“ Da kann man es schon verstehen:

Brutal! Brutal wie’s dem die Augen aus den Höhlen treibt.


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