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Die Sache mit der Toleranz

Es regt mich nicht auf. Wirklich nicht. Ich schwör. Wieso auch. Warum sollte ich. Erst Mal ein grosses Dankeschön. Ans Opernhaus. In Zürich. Respektive dessen Geschäftsleitung. Dass sie das ermöglichen. Quasi einen Monat lang. Und erst noch gratis. Ist vielleicht der Grund. Aber ich reg mich nicht auf. Echt nicht. Ich hab's versprochen. Der besseren Hälfte. Weil, kurz davor. Kennen sie Maikäfer? Die echten? Lebendigen! Nicht die aus Schoggi. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch. Früher gab's die zu Haufe. Im Frühling. Darum ja Maikäfer. Wir haben die gesammelt. Mit ein paar Blättern in ein Einmachglas gesteckt. Und als Haustiere gehalten. Bis Vater kam. Das sei Tierquälerei. Lasst sie frei. Die wollen auch das Leben geniessen. Und ihre Freiheit. Also gingen wir nach draussen, öffneten das Glas und setzten uns die Käfer auf die Hand. Die begannen sich aufzupumpen und flogen davon. Fadengerade in den Schnabel eines vorbeifliegenden Vogels. So viel zum Geniessen. Und Freiheit.
Das mit dem Pumpen. Das ist das Stichwort. Ich begann nämlich auch schon damit. Mich aufzupumpen. Weil doch ein bisschen aufgeregt. Bessere Hälfte kennt mich mittlerweile. Und lies mir quasi die Luft ab. Ehe ich davon flog. Vielleicht geradewegs ins Verderben. Wie anno dazumal die Maikäfer. Schuld daran ist die Oper. Dazu muss man wissen. Die Oper gibt Konzerte. Das ganze Jahr über. Im Advent auch. In kleinem Rahmen. Sie nutzt dazu das Foyer. Jeden Abend. Vom 1. bis zum 23. Dezember. Es gibt immer zwei Stücke. In der Schweiz sagen wir dazu: "Ein Müsterli"! Um die Leute auch etwas anzufixen. Doch mal eine bezahlte Vorführung zu besuchen. Also stauen sich jeden Abend die Horden vor dem Eingang. Sobald sich die Türen öffnen? Alle Mann rein. Mit Volldampf. Wie seinerzeit die Alliierten. In der Normandie. Ohne Rücksicht auf Verluste. Oder die Hunnen. Im alten Rom. Es hat nämlich nur beschränkten Platz. Ein paar wenige reguläre Sitzplätze. Sind die weg, wird gestanden. Oder auf den Treppen gesessen. Macht aber nix. Weil nur zwei Stücke. Quasi rein, 15 Minuten Kultur. Und wieder raus. Fertig.
Jetzt könnte man ja denken. Oper. Kultur. Klassische Musik. Da kommt nicht jeder. Nein. Da kommen Leute mit Erziehung. Und Freude an klassischer Musik. Mit etwas Bildung vielleicht. Ha! Gratis. Ahnen sie's? Ich. Rege. Mich. Nicht. Auf. Hab's versprochen. Sie ahnen es vielleicht schon. Krethi und Plethi. Vom Feinsten. Also allerschlimmsten. Weil gratis. Das ist das Problem. Wenn man es nicht selber gesehen hätte. Sie würden es nicht glauben. Sicher. Es sind nur 15 Minuten. Und es ist gratis. Also was reg ich mich auf. Aber ist das eine Entschuldigung? Keine Erziehung zu zeigen? Ich kann ja verstehen. Sie haben Hunger. Und können es nicht noch 15 Minuten aushalten. Und der Dönerstand ist ja in unmittelbarer Nähe. Also warum nicht rein mit dem Döner. In den Magen und ins Opernhaus. Direkt neben mir. Mit offenem und vollem Mund. Und so ein Döner, der sieht zwar saftig aus. Ist aber scheinbar trocken. Staubtrocken. Darum nächste Gelegenheit nutzen. Glühweinstand. Also wenn schon mit Döner in die Oper, dann auch gleich noch Glühwein. Immer schön abwechselnd. Biss Döner, Schluck Glühwein. Das Papier dann in den Becher. Neben mir. Ich pumpe. Luft.
Ist aber noch nicht mal das Schlimmste. Schlimmer sind die Mütter. Die meinen, ihrem frischen Nachwuchs ein besonderes Erlebnis bieten zu müssen. Auch in die Oper. Also ins Foyer. Der Nachwuchs? Was meinen sie? Interessiert an kulturellem Erlebnis? Der kackt ihnen was. Aber so etwas von! Und nicht nur in die Windel. Aber man muss ja tolerant sein. Waren die Musiker auch. Als sich der krabbelnde und kackende Nachwuchs auf die Reise machte. Zu den Musikern. An den Hosenbeinen hoch. Während des Konzerts. Mutter fand's lustig. Ich war nahe dran zu werfen. Mit den Resten des Döners. Wusste nur nicht ob Mutter oder Nachwuchs. Zuletzt hätte ich noch den Musiker getroffen.
Zwei Stücke. Noch während des ersten Stückes laute Stimmen. "Geht's noch lange?" "Ich will einen Crêpe!" Mütter fanden's lustig. Nach dem zweiten Stück? Die Melodie der Musik noch in mir nachhallend. Hunnen. Jetzt aber raus aus Rom. Zum Weihnachtsmarkt. Hat's euch gefallen Kinder? Ja? Kommen wir morgen wieder? Weisch, isch ja gratis. Koschtet nüt.

Ich pumpe immer noch. Und die leeren Becher, euren Müll, die nehme ich auch noch mit. Weil, wenn schon keine Erziehung, dann aber konsequent!

Maikäfer flieg......


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