Die Leichtigkeit des Seins

Es war mal wieder typisch. Davor, währenddessen und danach. Ausgelöst durch das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, Menschen verschiedenen Alters und Geschlecht, nicht bis wenig vorhandener Toleranz und der SBB. Die Schuld lag, wie immer, bei der SBB. Ursächlich. Nicht weil zu spät. Ausnahmsweise einmal nicht. Sondern, wieder einmal, an den Ruhewagen. Ein Zug ist ein Zug ist ein Zug. Dieser hat Menschen und Material von einem Ort zu einem anderen zu bringen. Auf festgelegten Strecken zu festgelegten Zeiten. Also alles ziemlich einfach. An und für sich. Um das ganze jetzt noch etwas zu verkomplizieren, gibt es, unter anderem, unterschiedliche Tarifzonen. Verschieden Klassen gibt es auch. Nämlich eine Erste und eine Zweite. Leider keine Dritte mehr. Wäre aber angebracht. Ausserdem gibt es noch Speisewagen. Mit einer nicht funktionieren Kaffeemaschine. Meistens. Dafür gibt es dann eine Art Kellner. Aber nur in der ersten Klassen. Ausser sie stossen einen Wagen im Wagen vor sich her. Genannt Minibar. Der geht dann auch in die Zweite. Ganz am Ende gibt es dann noch ein Kinderabteil. Zwar nicht in allen Zügen, aber immerhin.
Und es gibt noch eine Unterart. In der Ersten Klasse. Die sogenannten Ruhewagen. Gekennzeichnet durch blaue Kleber an den Fenstern. Ruhezone! Nicht telefonieren! Nicht laut unterhalten! Nicht laut Musik hören! Nicht Pupsen! Gut, letzteres habe ich jetzt frei erfunden. Durch noch etwas sind diese Ruhewagen gekennzeichnet. Durch vorwiegen ältere Menschen, welche diese nutzen. Und akribisch darüber wachen, dass es zu keinerlei Widerhandlung kommt. Akribisch. Sehr!
Jetzt, ich bin wahrlich kein Hellseher. Ich spüre es einfach. Wenn sich ein Unheil anbahnt. In einem Ruhewagen. Ich sehe es schon auf dem Bahnsteig. Noch ehe der Zug einfährt. In diesem Fall? Eine Zusammenrottung sehr akribisch aussehender, älterer Damen. Drei an der Zahl. Zwei Beratern aus der IT Branche, die ich zufällig kannte. Und einem Franzosen. der, um das Mass der Damen voll zu machen, nicht nur französisch sprach, sondern auch noch farbig war. Das Farbige sah man, das Französische hörte man, da telefonierend und den Rest? Den Rest sah man den Damen an. Im Gesicht.
In dieser Konstellation verteilten wir uns im Ruhewagen. Der auch erstaunlich ruhig blieb. Bis Olten. Dann begann es. Also eigentlich der Franzose. Der begann. Zu telefonieren. Im Ruhewagen. Jetzt die Sache mit der Toleranz. Dazu muss man wissen, ein Zug an und für sich ist schon relativ wenig ruhig. Es tönt immer an allen Ecken und Enden. Es knarzt und quietscht und überhaupt. Zudem hat der Kondukteur meist auch noch etwas zu sagen. Also so wirklich ruhig? Eher nein. Kommt dazu. Büro. Der Zug ist mein Büro. Ich arbeite auf der Fahrt. Konzentriert. Darum höre ich nix. Auch den farbigen Franzosen nicht. Obwohl er direkt hinter mir sass.
Wer es aber hörte, war eine der älteren Damen ganz am anderen Ende des Abteils. Stand auf, segelte wie eine bis über die Toppen geflaggte Fregatte auf den Franzosen zu und feuerte eine volle Breitseite. Nach Strich und Faden. Aber hallo. Der Franzose, wohl ganz verdattert, hörte sofort auf zu sprechen. Vermutlich für eine ganze Weile. Vor Schreck. Ich hörte immer noch nichts. Mit Absicht. Und weil es mich wirklich nicht störte. Was ich aber hörte, war, was besagte Dame mir auf Ihrer Rückkehr zu zischte. Ja, wir Frauen mussten das mal wieder regeln. Wie immer. Ihr Männer könnt's ja nicht. Aus war's mit der Ruhe.

Meine lieben und hochgeschätzten Damen. Alle. Wir, gewisse Männer, müssen auch nicht überall unseren Senf dazu geben. Manchmal bringt uns eine gewisse Gelassenheit auch etwas weiter im Leben. Das muss einfach mal gesagt sein.

Und nächstes mal höre ich Musik. Im Ruhewagen. Laut. Ohne Kopfhörer!


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