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Es ist mir ein Rätsel

Es hat wohl mit dem Alter zu tun. Denke ich. So wie die meisten Menschen bis zum 25zigsten Lebensjahr nur bedingt zurechnungsfähig sind, die bis zum 40zigsten dann nur ihrer Karriere hinterher rennen und anschliessend vor dem Scheidungsanwalt davon, so beschäftigen sich ältere Herrschaften, ab 50zig, gerne mit Kreuzworträtsel.
Ich weiss noch, wie ich als Jugendlicher meine Grosseltern in den Wahnsinn getrieben habe. Diese bezogen wöchentlich eine Mappe, die sich Lesezirkel nannte. Darin enthalten, diverse, wie sagt man? Magazine? In diesen Magazinen eine grosse Menge an nutz- und belanglosen Informationen über Personen des öffentlichen Lebens, die sie eigentlich gar nicht wissen wollen. Und Kreuzworträtsel. Auf welche die Grosseltern schon immer sehnlichst warteten. Es entspann sich dann sehr oft ein Streit zwischen Grossmutter und Grossvater, wer jetzt denn welches zuerst lösen darf. Und da komme ich ins Spiel. Als Jugendlicher. Da beide Elternteile berufstätig und der Begriff des Kinderhorts, Babysitters oder Au-pairs noch unbekannt, wurde ich des Öfteren strafversetzt. In das Wohnzimmer-Gulag meiner Grosseltern. Zwecks Beaufsichtigung. Gäääähn. Grosse Langeweile. Keine Handy, kein Gameboy, nicht mal ein TV. Nichts. Daher? Was kam mir als damals ja noch nicht voll zurechnungsfähiger Jugendlichen unter 25zig in den Sinn? Ich löste die Kreuzworträtsel in den Magazinen. Vor meinen Grosseltern. Grösstenteils korrekt. Aber auch mit Wörtern, die einfach meiner Phantasie entsprangen. Die zwar von der Anzahl Buchstaben her passten, nicht aber von der Lösung. Und wäre das noch nicht perfide genug, imitierte ich dabei abwechselnd den Schriftstil meiner Grosseltern. Ein bisschen Spass muss sein, nicht wahr? Und ja, sie starben beide hochbetagt eines natürlichen Todes und nicht an der Aufregung darüber.
Die Geschichte kam mir wieder in den Sinn, weil es mir ja ein persönliches Vergnügen bereitet, auf meinen Wegen durch die Stadt, Leute zu beobachten. Sehr oft beschäftige ich mich damit, mir vorzustellen, wer diese Menschen wohl sind, wie ihr Leben so aussieht und was sie wohl gerade zu tun auf dem Wege sind. Manchmal. Meistens vergleiche ich sie mit Comic Helden. Sprich, wer wem wohl am ähnlichsten sieht. Darum fast immer ein leichtes Lächeln im Gesicht. Und, weil schon ein gewisses Alter, manchmal, ganz selten nur, wirklich, löse ich ein Kreuzworträtsel. Immer noch auf die gleiche Art. Grösstenteils korrekt, gespickt mit ein paar Begriffen aus dem Reich der Phantasie. Das lasse ich dann im Tram oder Zug liegen. Und stelle mir vor, was passiert.
Letztens im 10er, vom Büro zurück in die Zivilisation der Altstadt. Mein 4er Abteil besetzt mit Officeworkern in meinem Alter. Das Abteil daneben leer. Haltestelle Uni Irchel. Viele junge Studenten steigen zu. Drei davon setzen sich in eben dieses Abteil. Zwei davon unterhalten sich relativ lautstark über ihr Studentenleben und das Studium. Auch darüber, wie geil es sei, studieren zu dürfen und noch so jung zu sein. Gespickt mit zig Fachausdrücken, klugen Sätzen und dem einen oder anderen Seitenblick auf uns. Leicht hämisch, wie mich dünkte. Klang alles sehr wichtig. Was bei mir tatsächlich kurz dazu führte, dass ich mich selber ziemlich dumm fühlte. Und mir dabei schwor, dass ich mindestens einen meiner Söhne zum Studium dränge. Notfalls mit Gewalt. Vermutlich auch bei meinen drei Mitreisenden in meinem Alter. Deren Blicken und Minen nach. Nur der Eine, der neben mir sass. Der wollte dem Gespräch nicht so recht folgen und tat was anderes. Er löste ein Kreuzworträtsel. Ein noch leeres. Tat sich offenbar ein wenig schwer damit. Und platzte auf einmal mit der Frage in die Runde:

„Ein Inseleuropäer mit drei Buchstaben“?

Zwei Sekunden lang betretenes Schweigen bei seinen Mitstudenten. Und dann im Chor von vier älteren Mitreisenden, ein triumphierendes:

„Ire“!

Rote Köpfe bei den Studenten, süffisantes Lächeln der Herrenriege. Es war wieder hergestellt. Das Gleichgewicht der Kräfte. Und ich ärgere nie wieder andere Menschen mit falsch ausgefüllten Kreuzworträtseln. Ich schwör.



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