Aufruhr

Es fällt mir einfach immer wieder auf. Jeden Tag. Und nicht nur vereinzelt. In den Medien und auch sonst. Ihnen vielleicht auch? Dem Einem oder Anderem zumindest. Hoffe ich. Wirklich. Ich schwör. Aber, die Leute denken nicht mehr. Selber, meine ich. Eigenständig. Oder nur ans Essen. Oder ob das Smartphone aufgeladen ist. Aber sonst? Pustekuchen. Sie lassen sich lieber vordenken. Quatschen dann einfach nach. Ist bequemer. Man müsste sonst ja womöglich eine eigene Meinung vertreten. Diese sogar noch selber erstmal bilden. Sich. Ohje. Nur ein Beispiel, bitte. Gerade kürzlich wieder. Im Zug nach Mailand. Ein schnelles Weekend für uns, Ein eher längeres für die meisten anderen. Es wäre ja nicht so, dass es nicht überall angeschrieben wäre oder man anderweitig darauf hingewiesen wird. Es ist Ferienzeit. Man könnte also, wenn man etwas denkt, damit rechnen, der Zug könnte unter Umständen etwas voller sein als sonst. Also sollte ich vielleicht reservieren, wenn ich sitzen möchte. Auf einem Sitzplatz. Manche sitzen jetzt auf dem Boden. Und lamentieren rum. Doofe SBB und blöder Zug und dämliche Italiener und Früher war alles besser. Schuld sind die Asylanten! Aber die Durchsage über den Lautsprecher an jedem Bahnhof ignorieren. Der Zug sei, aufgrund des erhöhten Passagieraufkommens wegen der Ferienzeit, eh schon übervoll und es sollen bitte nur noch Reisende mit einer Sitzplatzreservierung und für alle anderen folge in 35 Minuten ein Ersatzzug und die SBB, bedaure und überhaupt. Ignorieren. Nicht denken. Lieber durch den Zug laufen, von vorne nach hinten und zurück und motzen. Weil, gilt ja nur Dings, für die Anderen. WIR finden dann schon noch ein Plätzchen.

Oder diese Aktion letztens in Zürich. Eine obskure Truppe von Weltverbesserer. Die meinte, viele Brunnen in der Stadt mit rotweissen Bändern verzieren zu müssen. Daran ein Zettel, mit dem Hinweis, die Brunnen würden jetzt privat betrieben. Nicht mehr von der Stadt. Das Wasser sei darum nicht mehr trinkbar. Weil man, die Weltverbesserer, die Qualität leider nicht mehr garantieren könne. Jetzt ist es so, dass ich es von den Touristen ja verstehe, Dem Aufruf Folge zu leisten und bei 33" vor dem Brunnen lieber zu verdursten als selber mal zu denken. Insbesondere von gewissen Obrigkeitshörigen aus dem Norden. Die ihrem Unmut lautstark Luft verschafften. Es sei ein Skandal sondergleichen. Und das in Zürich. Sauerei. Statt den Zettel richtig zu lesen. Der ganz unten darauf Aufmerksam macht, es handele sich nur um eine politische Aktion (super Idee, Weltklasse, wirklich, ich schwör!!!) und man solle mal darüber nachdenken, wenn es denn wirklich so wäre und selbstverständlich könne man hier Wasser in bester Qualität gratis konsumieren. Also von den Touristen würde ich es ja verstehen. Aber von den Einheimischen? Die standen auch in Scharen an den Brunnen und lüfteten. Ihren Unmut. Über die Stadt und die Politiker und die SBB und die Italiener und das Wetter sowieso. Über die Asylanten, die sicher auch daran Schuld seien, sowieso. Statt zu denken. Das so etwas ohne in der Zeitung oder sonst wo angekündigt zu werden, in der Schweiz nicht passieren kann. Weil Volkes Wille und Abstimmung. Darum habe ich das Band einfach abgerissen (ein älteres Paar aus dem Norden viel ob diesem Frevel gegen die Obrigkeit beinahe in Ohnmacht) und getrunken. Und lebe heute noch. Ohne das mir übel wurde.

Apropos übel. Kehren wir kurz zurück. Zum übervollen Zug. Sagte ich schon, dass es sich um einen Neigezug handelte? Der sich da, übervoll, den Gotthard hochschaukelte? Die Passagiere sassen überall. Auf dem Boden. In den Gängen. Es war wirklich voll. Und sehr eng. Und niemand wollte seine hart erkämpften 5 cm Platz räumen. Bis diese Touristin kam. Die hatte zwar nicht vom Zürcher Brunnenwasser getrunken. Trotzdem war ihr übel. Offensichtlich. Sehr übel. Vom Neigezug. Und kein Platz war ihr egal. Als sie Luft machte. Nicht dem Unmut, sondern dem Inhalt ihres Magens. Dabei vertrat sie ihre Meinung sehr vehement. Die sie sich gebildet hatte, ob der Schaukelei. Im hohen Bogen. Fast schon wunderschön anzusehen. Der Strahl. Der durch den übervollen Zug schoss. Präzise über die Köpfe der am Boden sitzenden Motzer hinweg.

Auf einmal war Ruhe. Und ganz viel Platz. Innert Sekunden. ;-)



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