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Misery

Es soll ja Menschen geben, die sehen die Welt gerne so als Grosses und Ganzes. Sprich, wenn Im fernen Asien ein Schmetterling mit dem Flügel, dann in Europa Dings. Sack Reis oder Hurrikan oder noch schlimmer, Bachelorette. Oder ganz Europa unter einer Knute und Reglementiert und Reguliert. Hauptsache Überblick, Notausdruck. Diese Menschen behaupten dann auch gerne von sich, auf das Wesentliche im Leben zu fixieren. Das. Wesentliche. Also, ich weiss ja nicht. Aber ich denke, diese Art von Menschen haben den Blick für das Wesentliche schon lange verloren.
Für mich ist das Wesentliche die kleinen Dinge im Leben. Das Detail. Mikrokosmos. Also jetzt nicht Bazillen und Viren oder Ameisen. Das dann schon, wenn auch interessant, dann doch etwas übertrieben. Nein, ich meinen den tagtäglichen Mikrokosmos, in dem die Meisten sich von uns bewegen. Familie, Klo, Freunde, Auto, Arbeit, Zug, Ausgang und solche Dinge. Besonders zu Letzterem hat Zürich ja so einiges zu bieten. Für so ziemlich jeden Geschmack. Ich hatte unlängst ja schon davon geschrieben. Kurz. Von wegen offenen Auges durch die Strassen und so.
Ein ganz spezieller Mikrokosmos ist die Piano Bar bei mir um die Ecke. Wirklich noch so Old Fashion. Also wirklich old. Angefangen vom Barmann, der dort, so vermute ich, irgendwann einmal hinter seiner Bar geboren wurde und aufwachsen ist. Und der Einfachheit halber da blieb. Zumindest mein Eindruck. War schon immer da. Wie auch der Teppichboden. Es gibt tatsächlich noch Leute, die legen ihre Jacken oder sonstige Gegenstände unter dem Flügel auf dem Boden ab. Nun gut. Man muss einfach aufpassen. Weil diese Gegenstände laufen dann irgendwann am Abend von selbst zur Tür hinaus. Getragen von der in diesem Teppich heimischen, anderen Art von Mikrokosmos. Gut. Vielleicht etwas übertrieben jetzt. Aber meine Schuhe, die ich trage, wenn ich dort etwas trinke, diese Schuhe werfe ich danach immer sofort in den Müll. Ich schwör. Sicher ist sicher.
Das wirklich interessante im Mikrokosmos dieser Bar aber, sind die Menschen. Weil, jeder von diesen Menschen wieder Kosmos. Manche sogar mehrere. Das sind dann die Schizophrenen. Auch von denen hat es. Oder die, die an ihrem Polterabend fast nackt, bekleidet nur noch mit ihren Unterhosen, auf dem Flügel in die kommende Ehe tanzen. Bis Morgens um 08:00. Um dann um 09:00, gestützt von ihrer Entourage, mit Sonnenbrille im Stadthaus aufzutauchen. Zwecks lallendem Jawort. An einem regnerischen Tag. Entourage auch alle Sonnenbrille. Aber das ist eine andere Geschichte. Und mir, ehrlich gesagt, persönlich fast ein bisschen peinlich. Und peinlich ist mir eher selten was. Das können Sie mir glauben.
Zurück zu den Schizophrenen. In der Bar. Weil, die machen es erst aus. Viele meinen, es ist der Pianomann. Ich sage, es sind die Schizos. Der Pianospieler wechselt. Die Schizos bleiben. Die Gleichen. Beide. Immer. So auch Misery. Gab's nur im gleichnamigen Film, meinen sie? Dann kommen sie mal an einem Samstagabend in diese Bar. Aber bitte nicht Alle auf einmal. Hat dann meistens eh nur noch Platz für Einen oder Zwei. Wenn sie Glück haben, hinein kommen und einen Platz finden, dann ist sie vielleicht gerade anwesend. Sie können sie nicht übersehen, glauben sie mir. Ausserdem merken sie es ganz automatisch an ihren Nackenhaaren. Oder den auf den Unterarmen, wenn sie denn haben. Die richten sich nämlich auf. Von selber. Und dann wird es wieder Wesentlich.

Wesentlich, dass sie ihr nicht zu nahe kommen. Und vor allem, nicht in ihr Blickfeld geraten. Und damit ihre Aufmerksamkeit erregen. Weil, wenn das passiert, dann verabschieden sie sich schon einmal von ihren Knöcheln.

Der Pianist ist übrigens der Hammer.

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