Ein Orgasmus der Sinne

Ein Klassiker, wie ich ihn besser nicht hätte erfinden können. Wirklich. Ich schwör. Aber um den so richtig geniessen zu können, muss ich ein bisschen ausholen. Kennen sie ja schon von mir.
Dem Wetter im Niederdorf überdrüssig, floh ich für ein paar Tage in den Süden. Ist heutzutage ja kein Problem mehr. Auch nicht an Ostern, wenn es Alle tun. Alles eine Frage der Wahl des Transportmittels.
Marseille war das Ziel der Reise. Eine ganz spezielle Stadt. Laut, dreckig, verkommen, nicht ganz ungefährlich, aber dennoch. Zum Verlieben. Empfindlich darf man halt nicht sein. Schon gar nicht, wenn es dunkel wird. Die Stadt ist seit je her ein Einfallstor für Migranten aus den ärmeren Ländern rund um's Mittelmeer. Und die versuchen irgendwie Fuss zu fassen auf ihrem Weg in ein hoffentlich besseres Leben. Der beginnt oft damit, seine Notdurft, mangels öffentlich zugänglicher Orte, halt da zu verrichtet, wo es einen gerade danach drängt. Und das ist meistens am Rande einer Strasse, zwischen zwei parkierten Autos. Oft. Sehr oft. In Zürich machen das zum Glück nur die Auswärtigen am Wochenende. Und Papier ist Mangelware. Also putzt man seine Finger, wenn überhaupt, halt sonst wo ab. Dem eigenen Hintern, an einem Auto, dem Asphalt oder halt Häuserwänden. In manchen Strassen im Zentrum war es so schlimm, vor lauter aufpassen wo ich hintrete oder -fasse, habe ich gar nichts von meiner Umgebung wahrgenommen. Aber ansonsten? Wunderschöne Stadt. Hat ein wenig von Kuba. Zerfall allenthalben, aber Stimmung. Stimmung grundsätzlich positiv.
Wenn man sich etwas vorbereitet. Sollte man ja immer. In einem gewissen Mass zumindest. Vorbereitet sein, auf das, was einem vielleicht so begegnet. Jetzt muss man wissen, Marseille hat im letzten grossen Krieg so einiges abbekommen. Ich will da jetzt nicht näher darauf eingehen. Die Geschichtsbücher wissen es, ich weiss es und die Franzosen wissen es auch. Vor allem die Älteren noch. Nicht wusste es offensichtlich das schon etwas ältere Paar aus eben diesem Land, dessen Vertreter damals schon in Marseille wüteten. Was sie offensichtlich auch nicht wussten. Französische Kellner sind stolz. Auf ihr Können, Ihre Nationalität und überhaupt. Auch auf ihr Gedächtnis. Nicht nur das Langzeit, nein, auch das Momentane, also Kurzzeitgedächtnis. Ich sass in einem Bistro am Vieux Port. Wunderschöner Platz um Leute zu beobachten. Was ich ausgiebig tat, als der Kellner zu mir kam. Ich bestellte ein Complet (Milchkaffee, Croissant, Orangenjus). Nach mir ging er noch an drei weitere gut besetzte Tische und anschliessend kurz vor die Türe, um nach dem Wetter zu sehen. Oder nach besseren Zeiten. Auf dem Rückweg fragte er mich, nur zur Sicherheit, ich hätte doch soeben einen Pastis bestellt? Fast! Ein Complet, Bitteschön, aber mich Cafė aux Lait.....
Am Tisch neben mir sass das ältere Paar. Offensichtlich schon leicht verärgert, weil bereits 5 Minuten wartend. Und Madame sass im Zug. Also schon im Bistro, aber der Kellner lies nach seiner Recherche die Türe offen. Sollten doch Alle etwas von diesem schönen Tag haben. Und sei es nur frische Luft. Darum fragte Madam, ob er nicht die Türe schliessen könne, es zöge. Also sie kommandierte mehr, als es eine Frage war. Und jetzt der Klassiker, seine Antwort:
"Madame, ich bin hier Kellner und nicht Concierge und schon gar nicht ihr Unteroffizier. ich habe jetzt keine Zeit".

Danach bekam ich meinen Pastis. Mit einem Espresso.



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