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Voll erwischt

Wer mich kennt weiss, dass ich relativ gelassen bin. Im Allgemeinen. Dem Meisten gegenüber. So kann ich zum Beispiel der gerade stattfindenden Weihnachtshektik so gar nichts abgewinnen. Wenn ich sehe, welchen Stress sich die Menschen darob auferlegen. Ist doch eigentlich ein Tag wie jeder Andere. Zumindest hoffe ich, sie sind sich dessen bewusst, dass sie alle einer grossen Fiktion unterliegen. Zumindest religionstechnisch. Familientechnisch sowieso. Ich will ja niemanden an den Karren fahren, aber Weihnachten gibt es eigentlich gar nicht. War ursprünglich mal eine Party der alten Germanen. Sonnwendfeier. Nur die Kirche wollte es dann anders. Zumindest ist es nicht bewiesen. Reine Glaubensfrage. Und der ganze Stress, weil man etwas nur glaubt? Na, Mahlzeit. Glauben sie auch alles, was heutzutage so in den Zeitungen steht? Oder ihr Mann ihnen erzählt, wo er gestern bis nach Mitternacht, war? Ha! Gut, das war jetzt etwas gemein. Ihnen gegenüber. Ihrem Mann sowieso ;-) Aber sie glauben vermutlich auch noch, das dieses Jahr an Weihnachten alles anders wird, mit der ganzen Familie unter einem Dach. Friedlich und ohne Streit und so. Ich hoffe, ihre Familie weiss/glaubt das auch. Mir ist also völlig egal, wer welcher Religion angehört und an was auch immer glaubt, solange er mich in meinem Glauben lässt. Etwas Gelassenheit ist angesagt.
Die kam mir heute etwas abhanden. Leider. Und wer ist Schuld daran? Eben diese Weihnachtshektik. Und das was in den Zeitungen steht. Und in diversen Online-Foren so diskutiert wird. Muss man ja etwas hysterisch werden. Sogar ich. Sass so budhamässig auf meinem Platz in einem Café in der Innenstadt. Dieses Café ist Teil einer Buchhandlung. Was ich noch ganz angenehm finde. Trotz Internet und iPad und Online und moderne Medien und alles. Ich bin ich gerne unter Büchern. Also nicht im wortwörtlichen Sinn. Bräuchte auch eine grosse Menge Bücher, um mich darunter zu begraben. Nein, ich glaube, sie verstehen was ich meine. Nur, hier war ich nicht nur unter Büchern. Ich war auch noch unter ganz vielen hektischen Menschen. Was meinen Gedankenflow immer wieder etwas ins stocken brachte. Ablenkung tat also Not. Und ich widmete mich dem täglichen Geschehen, in diversen Zeitungen aufbereitet. Etwas schreierisch. Bomben und Terror und Hass und Gegner und alles und überall sowieso. Und irgendwo stand auch noch, unsere Schweiz nun wohl auch bald Ziel eines solchen Anschlags und vorweihnachtlichen Menschenmassen besonders gut dazu geeignet. Genau in diesem Moment, als ich das lass und darüber nachdachte, setzte er sich neben mich.
Ein grossgewachsener, relativ elegant gekleideter, älterer Herr. Offensichtlich orientalischer Herkunft. Optisch. Später untermauert durch den Inhalt seines Laptop-Screens. Arabische Schriftzeichen. Zudem war der Mann etwas nervös. Schweiss auf seiner Stirn. Kaum sitzend, stand er wieder auf, um sich einen Kaffee zu holen. Dazu muss man wissen, die Damen in dieser Filiale der Kaffeehauskultur sehr restriktiv. Absitzen und Internet, ja. Aber sitzen und nicht innert 30 Sekunden ein Getränk konsumieren? Nein! Dann sofort Intervention. Der Mann wusste das. Erfuhr ich nachher. Daher etwas nervös. Die Damen auch wirklich sehr, nun ja, resolut in ihrem Auftreten.
Jedenfalls, als der Mann aufstand, verrutschte seine Laptop-Tasche, öffnete sich etwas und erlaubte einen Blick auf deren Inhalt. Sie kennen mich. Ist etwas erlaubt, sei es auch nur ein Blick, ich tue es. Und aus der Laptop-Tasche blinkte mir etwas fröhlich entgegen. In grün und blau. Ein schwarzer Kasten, mit einem Draht umwickelt.
Kasten? Draht? Blinkende Lichter? Orientalischer Typ? Dings! Eine Bombe. Ich schwör. Die Zeitung hatte recht. Es passiert hier und heute. Und wem passiert es? Wer sitzt wieder einmal direkt daneben und zieht es an? Verdammt! Jetzt kam der Typ auch noch mit einem Kaffee zurück (Kaffee trinkender Bombenbauer? Gelassenheit pur), stellte diesen auf den Tisch und fragte mich, ob ich kurz auf seine Tasche aufpassen könne. Er müsse drum schnell weg. Auf die Toilette. Das mit der Toilette hörte ich schon nicht mehr. Blackout. Ohnmachtsanfall, oder was auch immer. Was tun? Prophylaktisch meinen noch halb vollen Latte auf das Teil kippen? Die Tasche aus dem Fenster werfen? Die Feuerwehr rufen? Eine Liste mit für und wider erstellen und dann eine Analyse machen? Doch wieder an Weihnachten glauben? Warum ich? Ich will doch noch so viel sehen......
Ob ich was habe? Es mir gut gehe? Ich sähe etwas blass aus. Fragt mich der Orientale, mittlerweile zurück vom WC, sich neben mich setzend. Seine Tasche ganz öffnend und das blinkende Laptop und das Ladekabel entnehmend. Er könne das verstehen. Sei halt schon etwas hektisch in dieser Vorweihnachtszeit.

Man könnte ganz hysterisch werden.

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