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Immer wieder Mailand

Vor gut einem Jahr schrieb ich schon einmal eine Geschichte aus einem Zug. Von Mailand kommend, Richtung Zürich. Und das die Geschichten zu mir kommen. Ganz von sich aus. Quasi Selbstläufer. Ich schwör. Und wieder sitze ich, sitzen wir, in einem Zug. Nach Mailand. Geschichte? Klar. Natürlich. Kam von selbst.
Der Zug hatte mindestens 10 Waggons. Hätte ja in einem der Anderen neun passieren können. Nein, passiert genau im Abteil gegenüber. Wie soll es auch anders sein. Handelt von Prinzipien. Und geistiger Inkontinenz. Beteiligte verschiedener Nationen. Ein nervöser Kondukteur, zwei erregte neurotische ältere Damen aus dem Tessin, zwei jugendliche Inder, oder irgendwo aus dieser Ecke der Welt. Sehr wahrscheinlich aus einem Internat in der Schweiz. Unterwegs nach Malpensa, oder so. Und mir. Als zunächst völlig unbeteiligter Zuhörer.
Der Zug. Voll. Bis auf den mehr oder weniger letzten Platz. Weihnachtsshopping in Mailand. State of the Art. Über jedem Abteil diese gelben Reservationszettel auf denen steht, von wo bis wo dieser Platz reserviert ist. Interessanterweise aber nur Richtung Italien. Umgekehrt, in Richtung Schweiz nicht. Schon auch Fahrkarten mit Reservationen im Verkauf, aber keine entsprechenden Markierungen an den Plätzen. Macht das Leben doch gleich viel spannender. Weil auch dieser Zug zurück natürlich voll. Aber andere Geschichte. Wir sind auf dem Weg nach Italien. Die beiden Internatsschüler übrigens auch voll. Aber noch erträglich. So Vorfreude-Bierchen. Ein's oder Zwei zu viel. Höchstens. Sehr anständig. Aber bereits mit dem durch Alkoholkonsum gesteigerten Hang zum Risiko. Und der Lebenshaltung wir sind jung und gut ausgebildet und Sprösslinge reicher Eltern und uns gehört die Welt und der Zug vermutlich sowieso. Was sich noch rächen wird. Diese Lebenshaltung.
Die beiden Tessinerinnen, um die es in der Geschichte geht, auch voll. Voll Tatendrang. Und, natürlich, ebenso davon ausgehend, die Welt gehört uns, weil aus der reichen Schweiz und selber reich, mit Klunkern behangen wie der Weihnachtsbaum im Zürcher HB und bemalt wie Mohikaner auf dem Kriegspfad. Der Zug gehört uns sowieso. Nur um deren Lebenshaltung etwas zu beschreiben. Ahnen sie's schon?
Vom Kondukteur muss man wissen, vermutlich Strafversetzt. Auf einen Cisalpino. Das kann, muss, eine Strafe sein. Keinesfalls freiwillig. Wer täte das schon. Dienst auf einem Cisalpino. Freiwillig. Als Kondukteur. Vermutlich erwachte unserer an diesem Morgen in der Gewissheit, er ist heute für die 1. Klasse nach Genf zuständig. Also alles easy peasy. Und erfährt dann beim Umziehen in der Garderobe, Pustekuchen. Du machst heute Cisalpino. Nach Mailand. Ehrlich gesagt, ich wäre auch etwas angepisst und leicht gereizt. Jetzt haben wir alles zusamnmen. Für ein kleines, alltägliches Drama.
Die beiden Schüler stiegen in Zug in den volen Cisalpino. Und belegten nach einem kurzen Blick auf ihre Fahrkarten und einem leichten Schulterzucken, die einzigen noch freien Plätze im Abteil gegenüber. Also fast frei. Die beiden Plätze waren nämlich ab Lugano reserviert. Bis Mailand. Kennen sie das mit den Vorahnungen? Ich bekam das nur am Rande mit, meine Aufmerksamkeit lag woanders. Trotzdem beschlich mich sofort ein Gefühl von....aufgepasst! Das wird noch spannend. Ist übrigens auch eine typische Schweizer Eigenschaft. Wenn die Plätze reserviert sind, haben sie frei zu bleiben. Auch wenn ich in Zürich einsteige und in Arth Goldau, also weit vor Lugano, wieder aus. Reserviert ist Reserviert. Lieber stehen bleiben, als zu riskieren, schräg angestarrt zu werden. "Duuu, Mamiiiii, schau mal! Die setzen sich auf reservierte Plätze"! Und stehen wieder. Wie von einer Tarantel gestochen.
In Bellinzona dann leerte sich der Zug etwas. Auch jenes, an das der beiden Schüler folgende Abteil. Bis auf eine Person. Vollbart, Brille, Pferdeschwanz, Jeans und Bierbauch. Sowie das zu Letzterem gehörige Bier, Vor sich auf dem Tisch. In einer Büchse. Und die Reste eines Sandwichs. In seinem Bart und auf dem Tisch. Und dem Sitz. Auf dem Boden sowieso. In der Büchse vermutlich auch. Gut, man könnte jetzt diskutieren, setzt man sich freiwillig in solch ein Abteil? Seeeehr feinfühlige Menschen wohl eher kaum. Aber sie waren eigentlich gar nicht so feinfühlig. Die beiden älteren Damen, die in Lugano den Zug betraten. An der Spitze einer ganzen Kolonne. Und just auf die Plätze zusteuerten, die wohl, gemäss dem Aufdruck auf ihrem Billet, für sie reserviert waren. In ihrem Zug. Aber durch die beiden Schüler "unberechtigterweise" belegt waren.
Für den weiteren Verlauf der Geschichte und deren Tragikkomik, benötigen sie noch folgende Informationen: Die Schüler stellten sich schlafend. Und anschliessend, im wachen Zustand, der italienischen Sprache nicht mächtig. Die Tessinerinnen sprachen nur Italienisch. Aus Prinzip. Vermutlich. Der Pferdeschwanz trank. Stoisch. Die Kolonne, die bis auf's Luganeser Perron reichte, wurde ungeduldig und drängte nach. Der Kondukteur drängte auch. Auf eine Lösung, weil Cisalpino sonst nicht pünktlich in Mailand und Ruf eh schon im Arsch. Angepisst sowieso. Ich? Harrte der Dinge die da kommen würden.
Es wurde laut. sehr laut. Die Damen wollten auf ihren Platz. Italienisch. Die beiden Schüler diesen aber nicht räumen, weil auch Reservation. Englisch. Pferdeschwanz seine Ruhe. Stumm. Und stoisch. Und die Kolonne? Die wollte endlich in den Zug. Der Kondukteur wollte auch etwas. Eine Lösung. Und bat die beiden Damen, doch einfach im Abteil nebenan Platz zu nehmen. Da sass aber Pferdeschwanz. Und die Bierbüchse. Und ganz wichtig. Gelbe Reservationszettel. Das auf denen stand "bis" Lugano, wir dieses aber gerade gerne verlassen würden, ging wohl in der Debatte unter. Somit standen Damen nicht nur Kolonne im Weg, sondern einer Lösung. Vermutlich aber auch sich selber. Und dies am meisten.
Es war eine wunderbare, italienische Diskussion. Laut und heftig. Mit Schimpfworten, die ich so noch nie gehört habe. Schon gar nicht aus dem Mund älterer Damen. Aber Ich kann die Geschichte nicht mehr länger werden lassen, stand darum auf und nahm die beiden Zettel aus ihren Halterungen. Zeigte sie dem Kondukteur und den beiden Damen, zerknüllte sie und steckte sie in den Abfallbehälter am Tisch. Den beiden Schüler zeigte ich auf ihrem Ticket, dass sie zwar die Plätz 63 und 64 haben, aber nicht hier in Wagen 5 sondern in Wagen 8. Dem Pferdeschwanz zahlte ich noch ein Bier. Einfach so. Dem Kondukteur nahm ich die Pfeife aus der Brusttasche, lehnte mich aus der Tür und pfiff den Zug zur Abfahrt. Es herrschte Ruhe. Schockzustand. Bis Mailand. Welches wir mit kaum Verspätung ereichten. Ende gute, alles gut. Ok, das mit der Trillerpfeife entsprang meiner Phantasie.

Aber ich war nahe dran ;-)

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