Im Zoo

Vermutlich geht es ihnen ähnlich. Aber ich beobachte für mein Leben gern Leute. Insbesondere, wenn diese sich unbeobachtet wähnen. Dann offenbart sich so manches mal der wirkliche Charakter einer Person. Meistens setze ich mich dazu in ein Café. Oder, so ich in Zürich bin, gerne auch auf den neuen Platz vor der Oper. Eignet sich vorzüglich dazu. Wenn die Sonne scheint. Bei Regen dann doch eher weniger. Ausser sie beobachten sich gerne selber. Soll es ja auch geben. Stichwort Selfie. Ich natürlich nie. Ich schwör. Ist mir zu Dings.
Ein Platz, an dem man ganz besonders gut beobachten kann und wunderbare An- und Einsichten erhält, ist der Flughafen. Insbesondere die Ankunft im Terminal 2. Ganz besonders, wenn die grossen Überseeflieger ankommen. Dann beobachten auf beiden Seiten. Die Ankommenden und die Wartenden. Mein derzeitiger Beruf bringt es mit sich, dass ich öfters am Flughafen bin. In der Regel auf der Seite der Wartenden. Also nicht genau auf dieser Seite. Weil Spezial-Zugangsberechtigung. Bis zum Gepäckband. Aber meistens gönne ich mir die Freude und warte draussen auf meine Gäste. Man kann die Wartenden in drei (vier) Kategorien einteilen:

Die Stoischen:
Sind öfters am Flughafen. Kennen die verschiedenen Prozeduren. Stehen nicht schon 40 Minuten vor Ankunft des Fliegers im Terminal. Halten sich eher im Hintergrund um den Überblick zu wahren. Kommen in der Regel allein. Popeln nicht in der Nase, weil sie wissen, man wird beobachtet. Und sei es auch nur von einer der zahllosen Video-Überwachung-Kameras.

Die Hysteriker:
Tritt meistens im Rudel auf. Steht immer zuvorderst an der Schranke. Läuft alle zwei Minuten zur Anzeigetafel um sich zu vergewissern, dass der Flieger auch wirklich angekommen ist und es immer noch 12 Minuten dauert bis das Gepäckband anläuft. Verfällt in Panik, sobald er realisiert, es gibt ja drei mögliche Ausgänge für die Passagiere und er von ganz vorne nicht alle überblickt. Frägt dann jeden zweiten Ankommenden ob dieser jetzt von diesem Flieger ist oder nicht. Auf Schweizerdeutsch. Auch die offensichtlich nicht des Schweizerdeutsch mächtigen. Was insbesondere bei Ankommenden aus dem asiatischen Raum als persönlicher Willkommensgruss missverstanden wird und zur sofortigen Zusammenballung zwecks Erinnerungsfoto führt. Belehrt gerne sein Rudel und Umstehende darüber, wie alles besser und einfacher zu organisieren wäre. Und schickt Mutti wiederholt zur Anzeigetafel, ob jetzt das Gepäckband schon rollt. Kommentiert alle Ankommenden ausgiebigst und lautstark, bezüglich Herkunftsort, Aussehen und Verhalten. Fällt gelegentlich mit dem gesamten Absperrgitter und allen anderen Hysterikern auf die Nase, wenn dieses nachgibt. Popelt früher oder später immer in der Nase.

Der Entertainer:
Meistens auch im Rudel. In Halbkreisformation wartend. Unter Verwendung von diversen Willkommensgruss-Artikeln wie Ballone in Herzform, Spruchbänder in Herzform, Kuhglocken und Alphörnern in Herzform, Blumensträusse in Herzform, etc.. Bricht sofort in Euphorie aus, sobald sich der Erwartende zeigt. Oder auch nur Einer, der diesem entfernt ähnelt. Also eigentlich permanent. Schämt sich für gar nichts. Schon gar nicht für den durch ihn verursachten Lärm. Das tun dann meistens die Ankommenden. Führt insbesondere bei Ankommenden aus dem asiatischen Raum dazu als persönlicher Willkommensgruss missverstanden zu werden und zur sofortigen Zusammenballung zwecks Erinnerungsfoto.

Der Chauffeur:
Steht (strategisch günstig), wartet, beobachtet und bewegt sich nicht. Bohrt nicht in der Nase.

Auch bei den Ankommenden lassen sich drei (vier) Kategorien unterscheiden.

Der Vielflieger (Business):
Kommt immer genau 10 Minuten nach Ankunft des Fliegers aus der Ankunftshalle. Adrett gekleidet, kleines (Hand-) Gepäck. Läuft zu seinem Chauffeur, den er meistens schon persönlich kennt. Hat keine Zeit zum in der Nase popeln.

Der Schauläufer:
Meistens weiblicher Natur. Sehr oft in Begleitung eines angeleinten oder getragen transportierten Vierbeiners. Hin und wieder ersetzt durch einen Zweibeiner. Dann nur an der Leine und nicht getragen. Wähnt sich ob dem grossen Publikumsaufmarsch auf dem Laufsteg. Verfällt dann sofort ins Posen. Läuft gerne wieder zurück, um dann wieder aus einem der anderen drei Ausgängen zu erscheinen und den Auftritt erneut zu zelebrieren. Bringt damit den Hysteriker aus der Fassung und dieser mit dem Zeigefinger in der Nase zur Salzsäure erstarrt.

Der Rest (ausgenommen Ankommende aus dem asiatischen Raum):
Funktional im Schlabberlook gekleidet (sieht ja eh niemand!!!!). Umgang mit Rollkoffer nicht gewohnt und daher ständig über den des Vordermanns stolpernd. Gerne ausgiebigst die Nameboards der Chauffeure studierend. Auch wenn nur der Zug auf sie wartet. Peinlich berührt, wenn Hysteriker oder Entertainer auf sie wartend. Verfällt immer an verkehrstechnisch ungünstigsten Orten in Willkommens- und Schulterklopfrituale. Spielt entweder den Überraschten (Hysteriker oder Entertainer) oder den "nicht" Enttäuschten (wenn kein Hysteriker oder Entertainer).

Ankommende aus dem asiatischen Raum:
Kommt nie alleine an. Immer in sauberer und korrekter Einerkolonne. Verfällt auf den 20 Metern zum Ausgang mindestens dreimal in Zusammenballung zwecks Erinnerungsfoto. Verursacht meistens Chaos, wenn die Spitze der Einerkolonne gewahr wird, dass es noch einen anderen, offensichtlich etwas günstiger gelegenen Ausgang gibt und daraufhin Wendemanöver einleitet.

Zu guter letzt sind dann noch die Autofahrer, die nur einmal im Jahr zum Flughafen fahren, ob der vielen Beschilderungen und Verbote wegen reger Bautätigkeit in Unruhe verfallen und daher lieber erstmal auf der Auffahrt anhalten und stehen bleiben. In einer unübersichtlichen Kurve. Quasi quer über zwei Fahrbahnen.

Was dazu führt, dass so mancher Chauffeur dann doch nicht so ruhig und unauffällig auf seinen Gast wartet........


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