Stuhlgang, der....

Als wären die Erlebnisse letzten Sonntag tagsüber noch nicht genug, hatte ich Abends noch Eines der besonderen Art. Mit einem Stuhl. Der stand mutterseelenallein auf dem Bahnsteig vor sich hin. Grübelnd. Offensichtlich. Der Stuhl, nicht ich. Ich nur wartend. In den roten Abendhimmel schauend und langsam melancholisch werdend. Und auf einmal stand er hinter mir.

Er stand einfach so da, und starrte mich an. Sie glauben gar nicht, wie solche Stühle starren können. Zuerst versuchte ich ihn noch zu ignorieren. Weil, ich bitte Sie. Einfach so dazustehen und mich anzustarren. Könnte ja jeder kommen. Stühle, Bänke, Tische, Schränke oder von mir aus auch Ruedi. Also ignorieren. Schliesslich sind wir hier auf einem Bahnsteig und nicht bei Ikea. Obwohl ich in letzter Zeit vermehrt das Gefühl habe, mich knutscht ein Elch. Quasi Elchtest, Notausdruck. Ich hab's eh mit Tieren im Moment. Entweder knutscht mich ein Elch, oder ein Schwein pfeift. Oder watschelnde Pinguine und Wiener verzehrende Strubbelhunde Namens Gaston.

Aber zurück zum Stuhl. Der hingegen ignorierte mich nicht. Kaum sah ich mal kurz in eine anderer Richtung und dann wieder zurück, hatte ich den Eindruck, er hatte sich mir 0.5 Millimeter genähert. Mindestens. Ich schwör. Provokation. Und wer mich kennt. Provozieren is nich. Zumindest nur bis zu einem gewissen Grad. Aber wenn das Mass voll, dann zurückschlagen. Und nicht nur so ein bisschen, plüschmässig...nein. Kurz, hart und trocken. Und zwar dahin, wo es weh tut. Ich halte nicht viel von Kuschelpolitik. Bin mehr für's Ehrliche. Und wer den Streit sucht, kann ihn haben.

Stuhl. Gang. Stuhlgang. Ich ging zu ihm hin. Umrundete ihn, und versuchte herauszufinden, was er von mir will. Oder von Anderen. Sinnsuche. Weil, das so ein Stuhl sinnlos vor sich hinsteht? Eher unwahrscheinlich. Und er stand auch nicht nur so ein bisschen. War ja kein billiger Klapp- oder Campingstuhl. Es war ein ehrlicher, massiver Holzstuhl. Und stolz war er auch. Und auf einmal sprach er mit mir. Auch er sei auf der Flucht. Aber weniger vor sich selber, so wie ich (?????). Nein, er hätte einfach die Nase voll. Er sei einer von zweien. Eines Stuhlpaares. Er sei gerne Stuhl. Er liesse auch wirklich gerne mit sich spielen. Aber genug sei genug. In letzter Zeit sei er nur noch eine Metapher. Die Leute, resp. ihre Besitzer sitzen nur noch zwischen ihnen. Zwischen zwei Stühlen sitzen. Und für das sei er sich zu schade. Man solle sich entweder zu ihm bekennen, oder dann halt nicht. Aber er liesse sich nicht missbrauchen. Schon gar nicht um zwischen ihnen zu sitzen. Darum ging er jetzt auf Reisen.

Und wenn ich möchte, dürfte ich bis Zürich gerne auf ihm sitzen. Es sei ihm eine Ehre.


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