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Alter schützt vor Torheit nicht

Nur damit Sie es wissen. Es war nicht Ruedi, den ich da traf, im Zug von Basel nach Bern. Obwohl, der alte Herr auch ein bisschen Dings. Aber dann doch deutlich älter. Und auch mehr Handycap. Als Ruedi.

Jetzt muss man wissen, dass ich selbst gerade in einer, nun ja, etwas schwierigen Lebenssituation stecke und der Sonntag in Basel ein hoch Emotionaler und Bewegender war. Darum die Schleife über Bern, weil Zürich dann lieber doch noch nicht. Quasi Abstand, Notausdruck. Für mich sind es in solchen Situationen die Schleifen mit dem Zug. Andere, so habe ich gelesen, fahren mit dem Wagen in einen Kreisverkehr und kurven dort ein, zwei Stunden ringsrum, bis sich das Gemüt wieder beruhigt und ihnen endlich klar ist, welche ausfahrt sie nehmen müssen. Selbst erlebt. Konnte es auch kaum glauben.

Aber genung der Einführung. Ich sass also im Bistro des Zuges, der auf seinen Weg nach Bern in Olten hielt. Aus den Augenwinkeln sah ich ihn am Fenster vorbeischlurfen. Und dachte mir nix dabei. Weil, schlurfen sieht man heutzutage ja so Einige. Alice Schwarzer zum Beispiel schlurft gerade ganz schön ins Abseits. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls stand er auf einmal neben mir im Gang, zeigte mit einer seiner Krücken auf den freien Platz mir gegenüber und fragte, ob's erlaubt sei? Was es selbstverständlich war.

Es brauchte dann einige Zeit bis er sich in der engen Bestuhlung des Bistros eingerichtet hatte und räumte mir dabei zweimal mit seinen Krücken, die nicht so wollten wie er, den Tisch ab. Beim zweitenmal zog er mir sogar noch Eine über den Hinterkopf. Weil er sich natürlich auch bücken wollte um mir zu helfen, was dazu führte, dass er dem herbei eilenden Italienischen Kellner den oberen Teil seiner Krücke in den Magen sties und das untere Teil eben mir auf den......aber lassen wir das. Ich hatte übrigens den leisen Verdacht, bei dem Kellner handelte es sich um den Selben, wie seinerzeit im Zug von Zürich nach Milano. Der, mit der kaputten Kaffeemaschiene. Sie erinnern sich sicher. Sonst dürfen Sie es gerne nachlesen. Er sah mich auf jeden Fall mit diesem "nicht schon wieder Sie" Blick an.  Kann aber auch Einbildung sein. Wo war ich? Ach ja...

Endlich war Alles an seinem Platz verstaut und er sass mir gegenüber. Frontal gegenüber. Aber sowas von gegenüber auch...sass und starrte mir in's Gesicht. Wie ein Budda. Und dann kam die Frage. Fahren Sie zu ihrer Freundin? Mir viel fast der Kaffeebecher aus der Hand. Wie er denn auf so etwas komme? Sie haben so ein Leuchten in den Augen und keinen Ring am Finger, aber da war mal einer, ich kann's noch sehen, auch wenn ich schon 90 bin. Und über diesen Einstieg kamen wir auf das Leben im Allgemeinen und unser beider im Besonderen zu sprechen. Und dass ihn seine Frau mit 82 eben für einen Jüngeren (84) verlassen habe, und der ihr das Konto geräumt habe und jetzt mit einem Schlaganfall im Spital liege. Und darum fahre er jetzt nach Brig, in einen seiner alten Stammspunten und trinke auf das ein Gläschen. Weil, wissen Sie, Stammspünten sind wichtig. Und danach fahre er zurück zu seiner Frau und frage sie, ob sie ihn wieder wolle. Weil, mit 90 sei er jatzt halt doch ein bischen zu alt um noch mal auf Brautschau zu gehen.

Selbstredend das es im Bistro mittlerweile mucksmäuschen still war und Alle unserer Unterhaltung lauschten. Wir unterhielten uns noch bis Bern über dies und jenes. Dazwischen wurde ich eingesahnt und gezuckert, weil er mit seinen vom Leben gezeichneten Händen das Rahmkübeli und den Zuckersack mehr zerquetschte als öffnete und deren Inhalt über mich statt in den Cafe Creme verteilte.

Als ich in Bern den Zug verlies, rief er mir noch nach, ich solle mir nichts draus machen. Das kommt schon wieder gut. So oder so. Ich rief zurück das sei doch kein Problem, das kann man waschen. Da blinzelte er mir zu und sagt:

Sie händ mi schon verschtande, wa i meinä.......und zeigt auf seinen Ringfinger

Vielleicht brauch ich auch einen Stammspunten in Brig.




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