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4. Akt

Ich hatte es mir ja freiwillig ausgesucht. Niemand zwang mich dazu. Der Zug brachte mich in ein anderes Land, in eine Gegend, die wieder aus den drei bereits bekannten Grössen bestand. Berge, Kühe und Haufen. Gut, die Berge etwas höher, aber sonst? Klar, die Sprache. Zum Teil Deutsch, aber in einem komischen SingSang, zum Teil...ja was eigentlich? Russisch? Chinesisch? Suaeli? Damals hatte ich ja keine Ahnung davon, dass ich mit der vierten Landessprache der Schweiz in Berührung kommen würde. Die mir heute noch Fremd ist, wie nur sonst etwas. Aber sonst alles gut. Das Heimweh hielt sich in Grenzen und ich wurde äusserst familiär aufgenommen. Und auf einmal in einem Saisonbetrieb zu arbeiten, mit all seinen internationalen Gästen und Mitarbeitern? Hammer! So in etwa hatte ich es mir vorgestellt. Das Gefühl von grosse, weite Welt. Mit knapp 17,5 Jahren. Die zwei Jahre gingen wie im Flug vorbei. Und in dieser Zeit wuchs in mir die Gewissheit, nicht mehr nach Bayern zurückzukehren. Ich wollte mehr sehen. Da musste einfach mehr sein. Andere Länder, andere Menschen.

Zunächst lernte ich aber erstmal andere Sitten kennen. Und Pflicht und Disziplin und Ordnung. Ich wurde Eingezogen. In ein Militär, in einem Land, mit dem ich eigentlich nichts gemein hatte, ausser durch Zufall dessen Staatsangehörigkeit zu besitzen. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach ich nicht einmal dessen Sprache. Wir unterhielten uns in der Küche mehr auf Französisch und Spanisch als auf sonst was. Das sollte sich nun schlagartig ändern. Du willst mit uns in den Ausgang?? Dann lern erstmal so zu sprechen wie wir. Ich dachte nicht, dass ich das lange durchstehen würde. Schlussendlich hielt es mich dennoch zwei Jahre bei der Fahne. Im wahrsten Sinn des Wortes. Und es prägte meinen Charakter. Bis heute. Loyalität ist mein höchstes Gut. Und laut und deutlich zu sprechen. Manche verschreckt das mitunter. Macht Euch keine Gedanken. Es wurde mir so eingeschliffen, ich kann nicht mehr anders.

Diese ersten vier Jahre in der Schweiz waren für mich jungen Sprenzel derart intensiv und angefüllt mit soviel spannenden und lehrreichen Erlebnissen, dass es mich nicht mehr auf dem Land hielt. Ich wollte in eine Stadt. Und beim Begriff Stadt, kommt einem, zumindest in der Schweiz, als erstes Zürich in den Sinn. Also ab nach Zürich. Einen Entschluss, den ich nie bereut habe, auch wenn ich vorher noch eine kleine Schleife flog. Auf ein Schiff. Eigentlich zwei Schiffe. Zuerst edel und vornehm und Kreuzfahrer und Karibik und ältere Amerikaner und......absolut sterbenslangweilig. Darum nach drei Monaten der Wechsel auf ein Containerschiff, welches aber auch Passagiere beförderte. Fast ein ganzes Jahr lang zog es mit mir im Kielwasser seine Bahn durch die Weltmeere. Ich verbrachte auf ihm das fünfte Jahr meines Weggehen von Zuhause. Und von einem Tag auf den anderen war die Festplatte voll. Also meine. Löschen sie nicht mehr benötigte Dateien oder benutzen sie das integrierte Aufräumtool.......Ich konnte keine Eindrücke mehr aufnehmen. Kann man mit 23 schon zuviel erlebt haben? Man kann. Zumindest ich in meinem Fall. Nichts ging mehr. und ich entschloss mich eines Abends, in Singapur, abzumustern und nach Zürich zurückzukehren.

Die Umsetzung dieses Entschlusses führte mich mehr oder weniger direkt in die Arme meiner ersten Frau. Ich lernte sie in Zürich kennen, an der Kasse eines Grossverteilers, der mich zum Geschäftsführer eines deren Restaurants ausbildete. Es war so eine Liebe auf den ersten Blick. Und, weil immer schon recht kurzentschlossen, führte dies zu einer spontanen Heirat. Auch die, wie so manches in meinem Leben, aussergewöhnlich. Wir heirateten am Gardasee. Allein die Zeit um und nach dieser Hochzeit, der Erlebnisse drum herum, würde ein eigenes Buch füllen, nicht wahr, Cristina? Sie können es mir glauben. Wir waren beide jung. Sie noch etwas jünger, und wir waren beide, trotz reich an Erlebnissen, zumindest bei mir, dumm. Sehr dumm. Und so kam es wie es kommen musste. Nach einem Jahr bereits war die erste grosse Krise da. Mit der wir beide nicht umgehen konnten. Und nicht fertig wurden. Fazit: Trennung. Scheidung. Absturz. Ich floh. Zuerst wieder ins Ausland. Trieb mich einige Zeitlang als Koch in Amerika herum. Kalifornien. Sonne, Sand und Meer. Und easy going. Es half mir, wieder zu mir selbst zu finden. Und damit auch meinen Weg zurück nach Zürich. Dieses mal aber wirklich. In die Innenstadt. Ich wurde für die nächsten 8 Jahre Teil des Niederdorfes. Der Altstadt von Zürich. Und ich wechselte, wieder einmal, den Beruf. Banker. Naja, zumindest arbeitete ich auf einer Bank. Zuerst einer grossen, bekannten, danach auf einer kleinen, feinen. Bank. Was genau ich da tat? Breiten wir doch besser ein Tuch des Schweigens darüber. ;-) In dieser Zeit machte ich eine weitere, sehr eindrückliche Erfahrung in meinem Leben. Ich wurde Vater. Ohne Mutter. Also ohne, ach, was auch immer. Eine tiefergehende Affäre, die aber noch vor Geburt meines Jungen ihr Ende fand. Die Mutter wird es anders sehen, weil einmal Kind, dann immer Affäre..irgendwie....und irgendwie hat sie recht. Wie immer. Nix körperliches. Mehr im Geiste. Und kaum die Geburt verdaut, lernte ich....... die Liebe meines Lebens kennen. Wieder eine Südländerin. Wieder das gleiche Sternzeichen, sogar der gleiche Vornamen. Beuteschema? Hinkt irgendwo....weil Beuteschema eigentlich ein anderes.... Und wieder ging alles ziemlich schnell. Kurzentschlossen. Sie erinnern sich? Aber dieses mal hielt es. 17 lange Jahre lang. Mit eine, wenn nicht sogar die, beste Zeit meines Lebens. Bisher. Wir erlebten extreme Höhen und Tiefen. Mehr als der Durchschnitt. Ich weiss, von was ich rede. Und wir bekamen zwei Jungs. Mit meinem Ersten, der Stolz meines Lebens. Noch ein bisschen mehr, weil näher. Sie verstehen was ich meine? Ich war/bin ein bisschen Älter als sie, wie immer in Bezug auf die Frauen, die ein Stückweit ihres Lebensweges mit mir gingen. Und begann mich in dem Gedanken breit zu machen, ja die Gewissheit zu haben, mit ihr zusammen Alt zu werden. Und verlor darüber wohl den Überblick. Oder die Sicht aufs Ganze. Und damit auch das Gespür für ihre Bedürfnisse. Wir haben uns getrennt. Sie sich vermutlich schon eine Weile früher als ich. Männer brauchen immer länger. Sie wollte, konnte nicht mehr kämpfen. Und ist geflüchtet. Ich wünsche ihr alles Glück der Welt. Jetzt gehe ich meinen Weg wieder alleine. Eine Zeit schon. Klar, Kinder und so...und nie mehr allein......Dennoch.....Zurückgeworfen auf mich selbst. Aber nicht verbittert. Im letzten Drittel meines Lebens angekommen, hat dieses wohl noch einmal ein grosses Abenteuer für mich parat. Erste Zeichen sind wahrnehmbar....WIR werden sehen...

Damit endet der 4. Akt meiner Lebensgeschichte. Wir erinnern uns an die Dramatheorie des Philosophen Aristoteles? Derzufolge müsste jetzt Katastrophe folgen. Aufzug 5. Akt, Katastrophe und Ende. Aber nicht hier, nicht bei mir. Vielleicht gibt es einen 5. Akt. Die Zeit wird es zeigen. Aber es ist auf jeden Fall ein Neuanfang.



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