3. Akt

Jetzt doch noch. Nach 11 Jahren wieder in der Nähe meines Geburtsortes. 1200 Einwohner, aufgeteilt in Ober- und Unterdorf. Je ein Gasthof, Einer davon der meiner Eltern. Etwas ausserhalb. Ein Bahnhof. Kirche im Dorf. Fertig. Ach ja, Musikverein, Landjugend etc. natürlich auch. Sonst nur....Berge, Kühe und Haufen. Auf der Strasse, Gehweg gab es keinen, auf den Wiesen und an den Schuhen. Der Geruch begleitete mich bis zu meinem 18. Lebensjahr. Nicht das es mich störte, weil, riechen kann ich nicht. Seit Geburt schon nicht. Nix. Nada. Njente. Sie können neben mir Einen fahren lassen, der Fliegen tot von der Wand fallen lässt....nix. Ich zucke nicht mit der Wimper. Im Gegensatz zu den Fliegen, die dann doch noch etwas zucken. Vielleicht. Habe mich damit abgefunden. Und lustig. Wie zum Trotz. Lehre als Bäcker/Konditor und dann noch als Koch. Nix riechen, aber guter Koch. Auch heute noch. Wer schon in den Genuss kam, weiss es. Und in den Genuss zu kommen? Auszeichnung. Hohe. Mit die Höchste, die ich zu vergeben in der Lage bin. Weil kochen für mich nicht einfach kochen. Für mich, wie einen Roman schreiben. Vielleicht kommen sie ja mal...zur Auszeichnung ;-)

Jetzt aber wieder Dorf. Vom Tag unserer Ankunft an, waren wir Kinder auf uns alleine gestellt. Eltern zwar in der Nähe, aber voll mit Arbeit bis oben. Und solange nicht die Polizei ins Haus kam, alles gut. Sprich Kinder schalten und walten lassen. Ein bisschen wie Huckelberry Finn und Tom Saywer. Ich eher Huckelberry, meine Schwester Tom. Auch äusserlich. Obwohl ein paar Jahre jünger, hatte sie den Bartwuchs noch vor mir. Böse, ich weiss. War halt so. Aber, oh Wunder, wir schossen einen Burgfrieden. Im wahrsten Sinn des Wortes schossen. Sie schoss mir nämlich mit ihrem Luftgewehr ins Bein. Aufgesetzt. Gabel reichte nicht mehr. Danach liessen wir uns in Ruhe. Und wir wurden Eltern. Mit 13. Also ich. Aber nicht was sie jetzt denken. Schämen sie sich, bitte! Was denken sie eigentlich von mir?? Nein, meine Eltern bekamen einen Nachzügler. Noch eine Schwester. Wo die nur die Zeit hernahmen um diesen Grundstein zu legen? Weil Zeit? Dings. Und das viel auf uns zurück. Meine Schwester und ich erzogen die Kleine. Mit 13 war ich bereits Meister in Schoppen geben und Windeln wechseln. Und wie Andere ihre neusten Spielsachen, Fahrräder oder Luftgewehre an unsere Treffen mitbrachten, zwecks Vorführung und Bewunderung, brachten wir halt unsere Schwester mit. Hat funktioniert. Sie lebt noch. Immerhin. Die andere Schwester übrigens auch noch. Und ihr Bart ist mittlerweile länger als mein Haupthaar... ;-)

Wir hatten, trotz unserer Pflichten, eine schöne Kindheit. Wir erzogen unsere kleine Schwester und uns erzogen die Stammgäste unserer Eltern. Probleme bei den Hausaufgaben? Stammgast fragen. Daneben wurden wir strategisch in den diversen Vereinen platziert. Damit diese quasi "verpflichtet" waren unser Gasthaus zu besuchen. Ich eher Musik-, meine Schwester, die Ältere, eher Schützenverein. Was ich ja zu spüren bekam. Taschengeld? Gab´s nicht. Zuerst klauten wir unseren Bedarf aus der Trinkgeldkasse unserer Eltern. Und als sie das spitz bekamen, mietete mein Vater flugs noch eine Kegelbahn mit Schiesskeller an. Die "durften" wir dann Samstag/Sonntag bewirtschaften. Sprich, wir bekamen einen Stock an Geld und Material (Bier/Brotzeit) und am Ende des Tages wurde abgerechnet. Die Marge war unser Verdienst/Taschengeld. Wir hauten unsere Eltern natürlich nach Strich und Faden über die Ohren, das können sie mir glauben. Hat funktioniert. Wir verfügten über deutlich mehr "Taschengeld" als unserer Alterskollegen ;-)

Das Leben floss langsam vor sich hin. Mit den üblichen Höhen und Tiefen. Und mit den Jahren waren wir in die Dorfgemeinschaft integriert und akzeptiert. Von meinem Baron und meiner Jugendliebe habe ich nie mehr etwas gehört. Ich brachte mit Mühe und Not und einigermassen würdevoll die Schule hinter mich. Eine Schule, die mehrheitlich Lehrer beschäftigte, die den zweiten Weltkrieg mitgemacht und überlebt hatten. Meistens in Gefangenschaft gerieten und irgendwann in den 60ern zurück aus Sibirien kamen. Das hat sie geprägt. Und ihren Lehrstil und damit auch uns als Schüler. Ich erinnere mich an eine Szene im Physik-Unterricht. Es ging dabei um den Knalleffekt eines Metalls, das mit Wasser reagiert. Und geknallt hat es heftig. So heftig, dass sich der Rektor, der diesem Experiment beiwohnte, aus alter Gewohnheit hinter den Schreibtisch hechtete und "volle Deckung" schrie. Einmal Soldat, immer Soldat. Er unterrichtete auch einige Fächer selber. Das er regelmässig mitten in seinen Vorträgen wegdriftete und Russisch mit uns sprach, bis ihn jemand wieder zurück in die Gegenwart holte, war für uns normal. Und lustig. Weil wir dann tun und lassen konnten was wir wollten.

Mit 14 haute ich zum Ersten mal von zuhause ab. Schuhe an, Rucksack auf den Rücken und ab in die Berge. Alleine zu Fuss von Lech am Arlberg nach Reute, Tirol. Durch die Lechtaler Alpen. Stolz wie Otto. Das mich die Hüttenwarte hinter meinem Rücken beobachteten und jeweils dem nächsten durchgaben er läuft jetzt los und müsste dann und dann bei Euch eintreffen, erfuhr ich erst auf der letzten Hütte. Aber sie liessen mich laufen. Niemand rief die Polizei. Also fast niemand. Meine Eltern nach vier Tagen dann schon. Aber wohl eher aus Angst um ihren Ruf, als aus Sorge um mich. Diese Woche hat Alles verändert. Am meisten mich selber. Ich wollte nur noch weg. Weit weg. Hinter die Alpen. Also nach der Schule schnell eine Lehre begonnen und während der Lehrzeit die Fühler ausgestreckt. Ins Land meiner Vorväter. Quasi Sprungbrett. Meine Eltern erfuhren von meinem Plan erst, als ich mir schon eine weitere Lehrstelle in der Nähe von St. Moritz organisiert und den Lehrvertrag in der Tasche hatte. Am letzten Tag meiner Lehre, mit Gesellenbrief in der Tasche, machte ich noch schnell meinen Führerschein, packte meine Taschen und tat meinen Eltern kund, dass ich sie und das schöne Bayern morgen verlassen werde. Und ob sie mich auf den Zug bringen würden? Und jetzt auf einmal, obwohl ich ihr vorher so ziemlich egal war, wurde meine Mutter wütend. So wütend, dass ich mit meinem Vater am nächsten Morgen alleine am Bahnsteig stand. 

Ich erinnere mich noch gut an den Blick und die Tränen in den Augen meines Erzeugers die mich auf meine Reise in eine ungewisse aber spannende Zukunft begleitete......


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