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2. Akt

Da war ich also. Im Land der Haufen. Haufenweise Berge, haufenweise Kühe und haufenweise Haufen. Die würden mir später einmal ab und zu zum Verhängnis werden. Wusste ich damals aber noch nicht. Ich lag in einem weissen Bett, mit rotweiss karierter Bettwäsche. Und über mir spielte Aloisius seine Harfe und geleitete mich ins Leben. Das Pralle. Meine offene und freundliche Art machte mich zum Liebling aller Schwestern. Den Tag verbrachte ich mit Trinken, Windeln füllen und selig vor mich hin lächeln. Warum auch sollte ich mir die Kehle wund schreien, wie meine Zimmergenossen? War mir zu stressig. Ausserdem lernte ich schnell die Unleidigkeit meiner Mitbewohner gegen sie und für mich zu verwenden. Ich durfte mir alles erlauben. Ich bin sicher, man hätte es mir auch nicht übel genommen, wenn ich der einen oder anderen Schwester an den Hintern gefasst hätte. Glauben sie nicht, ich hätte es nicht probiert. Aber meine Arme waren leider noch zu kurz.

Kurz gesagt, ich hatte eine wunderschöne Babyzeit. Und ich begann mich auf mein Leben in Freiheit unter Bayerns Fahne im lieblichen Alpenvorland vorzubereiten. So schlief ich eines Abends ein. Und erwachte? In einer grauen kalten Nebelsuppe. In einer winzigen 2 Zimmerwohnung mit Holzheizung. Mich traf der Schlag. Alaaaarm. Man hat mich schon wieder entführt. Die haben mir was in die Milch getan und dann fremdplatziert. Ich war so entrüstet, ich konnte nicht einmal schreien. Wo waren meine Berge? Meine Kühe? Die Haufen? Und vor allem, wo waren meine knackigen Krankenschwestern? Und was will die hässliche Frau und der komische Mann von mir??? Nicht schaukeln, niiiiiiiiichhhhht, ich muss Kooooootz...... Ups. Hoppla. Wo kam DASS denn alles her? Ich erinnere mich garnicht das alles gegessen zu haben....warum schauen die mich so komisch an? Und was ist das für eine Sprache? Bin ich doch Gates?

Wie ich erst später einmal erfuhr, hatten mich meine Eltern, unter Drogen, so heimtückisch, mittels eines uralten VW-Käfers, der mit dem Bretzelfenster hinten, nach Berlin verfrachtet. Dort verbrachte ich dann die ersten beiden Jahre meines Babylebens. Zum Glück im Westteil der Stadt. Obwohl die Familie meiner Mutter aus dem Osten kam. Also dem Ostteil der damals noch geteilten Stadt Berlin. Nicht aus dem Osten im Allgemeinen. Wäre ja noch schöner. War so schon schlimm genug. Mein Vater sprach zwar eine ähnliche Sprache wie meine Mutter, hatte aber einen roten Pass. Seit damals ist Rot eine meiner Lieblingsfarben. Die anderen beiden sind Dunkelblau und Schwarz. Über diese beiden Jahre in Berlin lässt sich nicht viel sagen. Ich schmollte ob der dreisten Entführung in meinem Kinderwagen vor mich hin und schwor mir, bei der ersten Gelegenheit, es meinen Eltern heimzuzahlen. Ich würde sie verklagen. Mit dem besten Anwalt der Stadt. Sobald mein Taschengeld dazu reicht. Darauf können sie Einen lassen. Vorderhand lies ich aber erst Ein paar. Ich bekam Baby-Koliken. Und nicht zu knapp. Scheinbar setzte ich meine Eltern damit so unter Druck, das man sich dazu entschloss, wieder in den Süden, in die Nähe der Grossfamilie meiner Mutter zu zügeln. Zwecks Unterstützung. Und wegen der besseren Luft. Bessere Luft? Pustekuchen. Wir landeten in Augsburg. Eine kleinbürgerliche Kleinstadt am Lech. Etwas südlich der Donau. Auf halber Strecke zwischen Ulm und München gelegen. Dort verbrachte ich die nächsten 9 Jahre meines Lebens. Und machte meine ersten Erfahrungen mit den Erwachsenen und dem erwachsen werden. Ausserdem lernte ich meine Schwester kennen. Die in dieser Zeit zur Welt kam. Vor allem ihre Art, mir Fleischgabeln in den Oberschenkel zu jagen. aus heiterem Himmel. Oder Teller an die Wand zu schmeissen und dann auf mich zu zeigen, wenn meine Mutter mit dem Ochsenziemer um die Ecke schoss. Die Narben sieht man heute noch. Die im Oberschenkel. Die auf der Seele vielleicht auch noch ein bisschen.

Aber gesamthaft gesehen, war die Zeit bis zu meinem elften Geburtstag gar nicht so übel. Ich trieb so ziemlich Alle zur Weissglut. Schwänzte regelmässig die Schule, klaute Fahrräder, da würde so manche organisierte Bande heutzutage vor Ehrfurcht erstarren. Und hatte die erste grosse Liebe meines Lebens. Filmreif. Wir gingen gemeinsam in die Klasse. Und einmal in der Woche zum Töpfern. Zu einem alten Baron in sein dem Verfall preisgegebenes Landschloss. Wir, der Baron, meine Liebe und ich, waren das Traumtrio schlechthin. Wären wir in Augsburg geblieben, wer weiss wo das geendet hätte. Aber just in unserer besten Zeit entschlossen sich meine Eltern in die Nähe meiner Grossmutter mütterlicher Seite zu ziehen. In ein Dorf, hart auf der Grenze zwischen Oberbayern und Schwaben. Weit weg von Baron, Landschloss und erster Liebe. Ein Psychoanalytiker würde heute wohl behaupten, dass ich das nie ganz verarbeitet und überwunden habe. 

Aber die behaupten ja so einiges......



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