Montagmorgen

Heute mal etwas zum Nachdenken, aber trotzdem lustig und voller Ironie. Passt perfekt in diese Zeit.

Wie ich bereits mal erwähnt habe, ist Zürich, trotz Weltstadtstaus relativ klein und überschaubar. Das merkt man vor allem, wenn man mal wieder eine grössere Stadt besucht. Und dafür muss man gar nicht soweit reisen.


Also klein und überschaubar. So auch die Clientel, die jede grössere Ansammlung von Menschen beherbergt. Die, die sich für einen, nun ja, alternativen Lebenstil entschieden haben. Sie ahnen wen ich meine. Die Prediger, die man ab und zu im Tram antrifft, die völlig unscheinbar auf ihrem Platz sitzen und warten bis sich der Wagen gefüllt hat, um dann ansatzlos in einer Lautstärke loszulegen, die einem auch noch den letzten Rest Müdigkeit aus und den Schrecken in die Knochen treibt. Mittlerweile kenne ich ja fast alle und kann ganz amüsiert drauf warten, was sich da anbahnt. Oder die, die auch bei Minus 20 Grad in kurzen Hosen auf Rollschuhen durch die Stadt skaten.

Heute allerdings begegnete ich einem den ich noch nicht kenne. Er stand am Paradeplatz. Geschätzte 100 Jahre alt. Klein und gebückt. Also der Oberkörper ab Hüfte im 90 Grad Winkel nach vorne geknickt. Ausgelatschte Schuhe, die aber zu ihrer Zeit mal nicht ganz billig waren, Hemd, Jacket und einer in ihrer Abgewetztheit schon wieder schönen Aktentasche. Das er auch keine Zähne mehr hatte merkte man erst später.

Dieser alte Herr setzte sich auf einen Platz entgegen der Fahrtrichtung, richtete sich so weit ihm das möglich war auf und begann die Gesichter im Gegenüber zu betrachten. Jetzt muss man wissen, wenn man Montagmorgen in Zürich im Tram sitzt, sind die Gesichter so ziemlich stereotyp. Sprich hässig. Zumindest mürrisch und übellaunig. Oder auch einfach nur noch verschlafen.

Auf einmal beginnt das Männlein loszulegen. Erst gestikulierte er nur mit den Händen in der Luft und vor seinem Gesicht rum. Es dauerte einen kurzen Moment, bis ich realisierte, dass er auf die Mundwinkel der Mitfahrenden anspielte und warum die äch alle auf 20 nach 8 stünden. Jetzt zu dieser Zeit. Was er dazu verbal von sich nuschelte war mir leider nicht ganz verständlich, aufgrund der fehlenden Zähne. Aber er tat dies mit einem Enthusiasmus und einem so krächzenden und bellenden Lachen, das man einfach nicht anderst konnte. Es setzte sich wie eine Welle durch das Tram fort. Zuerst bogen sich nur Mundwinkel nach oben, zögerlich, Aber der alte Mann lies nicht locker und auf einmal lachte der ganze Wagen mit. Fast. Bis auf die ganz Miesepetrigen. Aber Letztere waren in der Minderheit. 

Geblieben ist mir aber der letzte Satz, den er mir zur Tür hinaus nachschickte:

S´Geld, hä, s´Geld isch nit wichtig. S´Spiagelbild, da isch es. Wenn di im Spiagel chasch aluege, und es lächlat, denn bisch guat unterwägs, hä!

In diesem Sinne, guten Morgen und gute Laune, Zürich ;-)

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