Alle Jahre wieder

Im Leben eines Familienvaters gibt es, insbesondere bei mehreren Kindern unterschiedlichen Alters und zu symbolträchtigen Jahreszeiten wie z.B. der Jetztartigen, stets wiederkehrende Rituale. Das Weihnachtssingen an der Schule unseres Nachwuchses ist ein Solches.



Jetzt muss man wissen, entschliesst man sich Selbiges zu besuchen (oder man wird beschlossen dies zu tun), sich auf's Glatteis des gesellschaftlichen Parketts begibt. Sehr glatt. Quasi Spiegel. Glauben Sie ja nicht, sie könnten so einfach mir nichts Dir nichts 30 Minuten vorher in die Kirche marschieren und sich auf den nächsten Freien platzieren. Also sie können natürlich schon. Aber. Nicht. Für. Lange. Sie haben sich ihrem (Weihnachtssingenbesuchs-)Leistungsausweis gemäss, unter-, resp. einzuordnen. Oder werden, bei Missachtung ungeschriebener Gesetze, es. Sprich, Erst- oder Zweitbesuch überhaupt und unter 70 Jahre alt? Stehen. Hinten. An der Wand. Und vor allem nicht im Weg. Punkt. Sollten Sie dies überstehen und Willens sein, weitere Besuche in den kommenden Jahren folgen zu lassen, dann dürfen sie sich, bei der letzten Bank beginnend, jährlich nach vorne arbeiten. Die Kirche hat 8 Bankreihen. Wir kamen dieses Jahr in der Vordersten an. Also harte Arbeit. Äusserst. Misstrauisch beäugt vom (Weihnachtssing-)gemeindeeigenen Chronologist. Der führt Buch darüber. Ich wette!

Wenn Sie meinen nun sei Alles gut? Pustekuchen. Auch die vorderste Reihe ist nicht einfach die vorderste Reihe. Wäre ja auch einfach zu einfach. Die "Neuen" bekommen natürlich den Platz in der Mitte. Mittendrin. Exzellent, denken Sie? Schliessen Sie bitte die Augen und stellen sich einen grossen Chor vor. Tun Sie's? Wo steht der Dirigent? Immer?! Genau. In. Der. Mitte. Und wo sitzen Sie? Also nicht Sie, weil, Sie haben sich ja noch nicht hochgedient, sondern quasi ich Sie. Also wir sassen auch. Mittig. Jetzt wäre das grundsätzlich je kein Problem, wenn auf der geraden Achse dreier sich befindender Punkte, von einem zum anderen ein gewisser Abstand wäre. Sozusagen Erde, Mond, Sonne. Wobei ich damit nicht andeuten möchte, dass Sonne der (Kinder-)Chor und ich froh darum wäre, Erde zu sein. Von der Distanz her gesehen. Wirklich nicht. Weil die Darbietungen der Kleinsten. Hammer. Echt. Und damit meine ich nicht unbedingt das Singen. Haben Sie schon mal erlebt, dass ein Kind im Alter eines Kindergärtners 5 Minuten lang ruhig sitzen kann? Um nichts zu tun? Ausser vielleicht zu singen? Oder zumindest die Lippen zu was auch immer zu bewegen? Nein? Sehen Sie, ich auch nicht. Erst recht nicht am Weihnachtssingen. Also Unterhaltung pur. Natürlich auch wegen des Verhaltens der Kinder, aber vor allem auch der Reaktionen der anwesenden Erwachsenen wegen. Weil Kinder in der Regel ein Spiegelbild Ihrer Eltern. Respektive Projektionsfläche trifft es eher. Schon mal einen Sechsjährigen gesehen, der freiwillig Hemd, Krawatte und Jacket trägt? Eben. Tut er auch nicht. Und beginnt nach spätestens 5 Minuten auf der Bühne sich diesen zu entledigen. Also ganz grosses Lebenstheater auf überschaubaren Raum. Ach ja, gesungen wurde natürlich auch. Meistens sogar schön, garantiert aber immer schön laut.

Aber zurück zur ersten Reihe. Jetzt sind die räumlichen Verhältnisse, zumindest für eine katholische Kirche, bei uns eher etwas eingeschränkt. Sprich die Distanz von meiner Nasenspitze über den Dirigenten bis zur Schuhspitze des ersten Kindes im Chor, gerade mal so ungefähr 3 Meter. Nun können 3 Meter unheimlich weit sein, wenn zum Beispiel das Stromkabel der neuen Hightech Stereoanlage genau um diese Länge nicht an die Steckdose reicht. Nicht aber, wenn der nächste Punkt auf dieser Geraden in diesen drei Metern, sich indes nur 40 cm vor Ihrer Nase befindet. Und was befindet sich vor Ihrer Nase, wenn Sie in der ersten Reihe sitzen und der nächste Punkt die Rückseite des Dirigenten ist, der vor ihnen steht? Direkt und unmittelbar vor Ihnen?

Denken Sie sich’s selber.

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