Obacht

England hat den MI6. Deutschland den BND. Amerika den CIA. Und wir? Die Schweiz? Was haben wir? Heiss. Im Moment zumindest. Ich weiss. Ganz genau sogar. Weil Dachwohnung. Nur zum sagen. Dachwohnungen können auch Nachteile haben. Aber das ist heute und hier nicht das Thema. Also? Was haben wir? In Bezug auf Geheimdienste? Wir haben die schlagkräftigste Abwehr überhaupt. Und damit meine ich nicht unseren offiziellen Geheimdienst. Wir, wir haben unsere Pensionäre. Jetzt, nichts gegen unsere Rentner. Wirklich nicht. Ich schwör. Bin selber ja schon auf dem besten Weg dazu. Einer zu werden. Unsere Rentner sind top. Wenn sie nicht gerade Wände besprayen oder den Nachbaren heimlich die Äste vom Baum holen. Weil das fallende Laub im Herbst die Ordnung stört. Die auf der Terrasse, vor dem Haus. Die innere ab und zu auch. Man kann sich wirklich auf sie verlassen. Hundert Prozent. Sie müssen auf Geschäftsreise? Nehmen dafür den Zug? Der ist um diese Zeit immer leer. Immer. Nur nicht wenn sie ihn benützen müssen. Dann kommt allen Pensionären der Schweiz etwas in den Sinn. Einen Ausflug zu machen. Morgens um Sieben. Mit genau dem Zug, den sie benützen. Schon mal von Zürich nach Bern gestanden? Eine Stunde lang? Obwohl sie noch dringend an einer Präsentation arbeiten müssten? Oder nach einem harten Arbeitstag. Auf dem Weg zum Tram, das sie nach Hause bringen soll. Nach dem sie einen ganzen Tag auf einer Messe am Stand standen. Ihre Knie befinden sich gefühlt auf Höhe der Ohrmuscheln. Das Tram kommt. Voll besetzt. Bis auf einen Platz. Nein, nicht was sie jetzt denken. Den Platz habe ich bekommen. Eine Station weit. Eine von 18. An der zweiten steigt eine Pensionärin ein. Der Einzige der aufsteht? Und weitere 17 Stationen stehen bleibt? Raten sie mal. Danke! Auch an der Kasse. Im Supermarkt. 12 Kassen. 8 davon offen. Beim Eintreten leer. Fast zumindest. Keine Schlange. Klasse! Glück gehabt. 10 Sekunden! Ich schwör. Ich hatte nur 10 Sekunden. Nur Milch, Salat und Joghurt. Nach 10 Sekunden 8 Kolonnen. Bestehend aus mindestens je 10 Personen. Durchschnittsalter? 70 plus. Woher? Woher kommen die in den 10 Sekunden?? Und warum immer ich? Man trifft sie überall. Immer. Ehrlich. Ich schwör. Die Stütze unseres Überwachungssystems. Nur heute. Heute nicht. Im Zug von Genf nach Zürich. Im zweit vordersten Wagen. Ein Ruhewagen. Ruhezone. Nicht sprechen, nicht telefonieren, nicht laut Musik hören. Auf den Kopfhörern! Manchmal nicht einmal laut auf der Notebook Tastatur klappern. Normalerweise peinlichst genau überwacht. Von zumeist älteren Reisenden. Die Rückkehrer, die sich für just diesen Tag dazu entschlossen haben, einen Ausflug zu machen. Wehe sie räuspern sich auch nur etwas zu laut. Geschweige denn, ihr Handy klingelt. Lautlos. Es vibriert. Nur ein ganz kleines bisschen. Wirklich. Und sie wagen es, abzunehmen. Dann aber Hallo. Nur heute. Heute nicht. Dabei bin ich extra in den Ruhewagen. Weil strenger Tag. Und weil dort meistens für Ruhe gesorgt wird. Heute? Niemand drin. Alles leer. Schön. Bis zum nächsten Bahnhof. Was gibt es schlimmeres als eine gemischte Wandergruppe? Eine Horde rund vierzigjähriger Männer auf Betriebsausflug. Leicht angesäuselt. Alle Plätze belegend und sich laut lachend und plappernd über die Ruhezone hinwegsetzend. Kann nicht mehr schlimmer kommen. Dachte ich. Und dann kam er. Älterer Herr. Im besten Rentenalter. Setzt sich in den Sessel hinter mir. Ein Lichtblick. Wenn man sie braucht, dann sind sie da. Ich freu mich schon. Denke, der stutzt die fröhlichen Wandervögel jetzt zurecht. Aber so etwas von. Ich stell mich schlafend. Kann’s aber kaum erwarten, bis er loslegt. Das tut er dann auch. Nimmt sein Handy. Ruft seine Frau an, oder wem auch immer man in diesem Alter «Schatz» sagt. Und erzählt ihr lang und breit…von seinem Arztbesuch. Laut. Sehr laut. Er hat’s wohl mit den Ohren. Oder sie. Und wie er da so erzählt, wird es immer leiser im Wagen. Bis zum entscheidenden Satz. Der Diagnose. Er hätte wohl einen Pilz. Sei aber gar nicht soooo ansteckend. Nur ein bisschen. Auf einmal war der Wagen wieder leer. Ausser dem alten Herren. Und mir.

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