Im Untergrund

Viele haben es bereits vermutet. Warum auch immer. Aber! Schon seit einigen Jahren bin ich im Untergrund aktiv. Wirklich! Ich schwör! Und glauben sie mir, es ist tatsächlich so, wie sie sich das jetzt in ihren kühnsten Träumen vorstellen. Dunkle Gestalten, fiese Machenschaften, Lug und Trug, Mord und Totschlag. Aber auch schöne Frauen mit langen Beinen, schnelle Autos, Hochgeschwindigkeitszüge und ständig auf Reisen. In Zürich. Mitten in der Stadt. Als Nachtwanderer. Städteführer. In deren Untergrund. Ich führe Interessierte in und durch Zürichs Vergangenheit. Und in dessen Untergrund. Glauben sie nicht? Na, dann buchen sie mich doch mal. Sie werden sehen. Hören auch. All dass, was ich ihnen ein paar Zeilen weiter oben angekündigt habe.
Wobei, diese Geschichte mit den Hochgeschwindigkeitszügen und den schönen Frauen mit den langen Beinen, die ist eine andere. Hat aber ebenfalls mit „in den Untergrund gehen“ zu tun. Mit Kommunikation auch. Die, die man heute scheinbar kaum mehr findet. Weil man sich lieber mit dem eigenen Handy beschäftigt, als mit seinen Mitreisenden. Ist ja auch einfacher. Wenn mich das Handy langweilt, schalte ich es einfach aus. Geht mit Mitreisenden dann weniger. Ausschalten. So untergrundmässig. Hinterlässt dann deutlich mehr Dreck. Sie verstehen, was ich meine.
Wir, meine bessere Hälfte und ich, waren auf einem Kurztrip unterwegs nach Paris. Mit dem TGV. Gar nicht so lange her. An einem Freitag. Abends. Der Zug? Voll. Bis auf den letzten Platz. Publikum? International. So rein optisch auch ein paar aus dem Untergrund. Agentenkoffer, Schlapphut und so. Und im Abteil neben dem unseren, die Dame mit den langen Beinen. Plus drei Herren. Summa summarum also sechs Personen. Im unmittelbaren Umfeld. Mit mir. Ebenso viele Handys auch. Das weiss ich so genau, weil jeder eines in der Hand hatte. Es ist halt einfacher, sich mit seinem Handy zu unterhalten, als mit dem Nachbaren. Dachte ich mir.
Jetzt aber Vorsicht! Weil ganz untergrundmässig, Handy bei mir meistens nur Tarnung und Täuschung. In Wirklichkeit beobachte und belausche ich mein Umfeld. Wie früher mit diesen Zeitungen, mit einem Guckloch in der Mitte. Genau so. Lediglich auf das Guckloch verzichte ich. Aus Kostengründen. Obwohl manche Handys heutzutage ja schon fast an das Format alter Tageszeitungen heranreichen.
Ich sitze also und beobachte. Natürlich auch meine bessere Hälfte. Die darüber immer ganz nervös wird und die Augen verdreht. Das aber nur nebenbei bemerkt. Und wie ich so beobachte und mir meine Gedanken mache, auch über das Paar neben mir, die wirklich ein bisschen agentenmässig aussehen, merke ich, wie der weibliche Teil des Paares bemerkt, das ich beobachte. Ertappt! Meinen Blick abwendend sehe ich aus den Augenwinkeln gerade noch, wie die Dame einen metallischen, etwas zylindrischen Gegenstand aus der Handtasche nimmt. Das wird doch wohl keine Waffe….nein! Zu viel Agententum! Es ist lediglich ein Lippenstift. Der fällt ihr auch noch aus der Hand auf den Boden und rollt dabei ziemlich weit nach hinten. Ich sehe das. Die Dame nicht. Darum biete ich meine Dienste an. In Form von in den Untergrund gehen und nach dem Lippenstift angeln. Jetzt lustig. Während ich auf die Knie gehe und meinen Arm danach ausstrecke, rollt das Teil immer weiter nach hinten. Bedeutet? Ich muss mich noch weiter bücken, den Arm noch länger machen, mich och etwas weiter unter den Tisch schieben, und habe? Einerseits den Lippenstift, endlich, andererseits aber auch mein nacktes Ohr am bestrumpften rechten Oberschenkel der Dame.
Kennen sie diese Situation? Eigentlich denkt man sich gar nichts dabei. Völlig unschuldig. Man will ja nur hilfsbereit sein. Merkt auf einmal einfach, Hoppla, ich glaube, man könnte dies jetzt auch missverstehen. Denke ich mir gerade. Mit dem Ohr am Oberschenkel der mir völlig unbekannten Dame. Und plötzlich friert alles ein. Bewegung, Zeit, Raum, Situation, Vorhaben, sowie Oberschenkel und sich daran befindlicher Rest der Dame. Ihr Partner gegenüber, dem ich meinen Rücken und nicht nur den, zuwende, sowieso. Dem friert auch gerade alles ein.
James Bond. Jetzt hilft nur noch James Bond. Respektive so zu tun, wie er immer in solchen Situationen tut. Locker bleiben. Die Dinger nehmen. Nämlich erst den Lippenstift und dann das Ohr vom Oberschenkel der Dame (man beachte die Reihenfolge!), aufstehen und mit einem lässigen Gesichtsausdruck nicht der Gleichen tun. Lippenstift überreichen, eine kleine Verbeugung andeuten und hoffen, dass man nicht gleich erschossen wird oder sich nicht ganz so zum Affen gemacht hat, wie zu befürchten ist.
Und auf einmal war sie da. Die Kommunikation. Der Partner der Dame, ganz Herr von Welt, bedankt sich für den Einsatz. Dabei spricht er an, dass sie beide sich auch gerade darüber unterhalten hätten, dass man heutzutage nicht mehr miteinander rede. Auf Reisen. Man wenn schon, dann immer auf eine passende Gelegenheit dazu warte, um mit seinem Gegenüber ins Gespräch zu kommen. Er hätte da schon einiges erlebt. Aber meine Methode, dass müsse er neidlos anerkennen, die sei bis jetzt ungeschlagen.
Sagte ich schon, dass mein rechtes Ohr immer noch brennt? Und meine bessere Hälfte mit dem Augenverdrehen gar nicht mehr nach kam?

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