Die innere Diskrepanz

Sie auch! Und Sie. Sie da hinten ganz bestimmt. Einhundert Prozent. Ich schwör. Der da nicht. Schon auch, Dings, sicher. Jetzt noch nicht. Aber irgendwann dann auch. Absehbar. Alle. Irgendwann. Haben damit umzugehen. Mit der Diskrepanz. Einer ganz bestimmten. Persönlichen.
Die Einen merken es. Sogar ziemlich übel. Nach einem lustigen Abend. In welcher Form auch immer. Also der Abend. Weniger die Form der Diskrepanz. Die Anderen merken es auch. Dann aber eher leiser. Sachter. Kaum spürbar. Einfach an alltäglichen Begebenheiten, denen man so gar keine Bedeutung beimisst. Im Trubel und der Hektik.
Dann gibt es noch die Verbissenen. Die mit dem verzerrten Gesichtsausdruck. In etwas so, als wenn Sie nach 5 Tafeln Schokolade auf einmal auf's Klo gehen. Wo sie dann könnten, aber nicht können. Weil, Dings, dicht. Quasi. Und trotzdem. Es will ja raus. Muss. Weil, eigentlich steht es ihnen innerlich schon wie ein Stecken fast bis zum Hals. Also mit Nachdruck, gewissermassen Hochdruck. Und dabei dann dieser Gesichtsausdruck. Vorher. Der Verbissene. Danach dann nämlich Paradies. Gesichtsausdruck engelsgleich. Wie diese Putten. In den Kirchen.
Am lustigsten sind die, die es zwar bemerken, aber ignorieren. Bewusst ignorieren. Und überspielen. Überspitzt. Und dann mit hochtoupierten Haaren durch die Gegend rollatoren. Lila. Mit lila Haaren. Oder so graublauviolett. Sieht man häufig an Beerdigungen. Und Weihnachten. Wenn man dann ob des vielen Glühweins überhaupt noch etwas sieht.
Ich merke diese Diskrepanz auch. In letzter Zeit öfters, als mir lieb ist. Auf einmal beginne ich mich für Baustellen zu interessieren. Ganz übel. Während früher ich mich eher darüber aufregte, weil sie mich in meinem Fortkommen behinderten, bleibe ich heute auf einmal stehen, um einen Blick zu riskieren. Oder, noch schlimmer, ein Foto zu schiessen. Kürzlich erst am HB. Noch schlimmer, gestern im Tram. Morgens um 07:30. Am Central. Wartend auf den 10er. Der bedient das Hochschulquartier, ehe er gegen Seebitc und dann noch weiter zum Flughafen schaukelt. Seebitc kennen Sie nicht? Das Quartier in Zürich Nord, welches aufgrund der Nationalität seiner Hauptsächlichen Bewohner so genannt wird. Früher hiess es mal Seebach. Glaube ich. Ruedi nennt es jetzt Seebitc. Hochschulquartier. Heisst was? Am Central? Morgens um 07.30? Sie warten nicht alleine. Nein, beileibe nicht. Da hat es neben ihnen und drei den Verkehr regelnden Polizisten auch noch 4 Millionen Schüler und Studenten. Ich schwör. Mindestens. Die wollen dann alle in den einen 10er. So auch gestern. Ein Gewimmel und Gedränge und Gestosse. Wie in einem Ameisenhaufen. Fehlen nur noch solche Pusher. Wie in Asien üblich. Asiaten hat es übrigens auch noch. Die wollen aber eher zum Flughafen. Also, kaum rollt der 10er ein. Weltuntergang. Dann, wenn alle drin sind. Ich. Ganz zuletzt. Aus Würde. Würdevoll. Ein Plätzchen findet sich immer. Darum steige ich bewusst als letzter ein. So auch gestern. Nur dieses Mal. Steht vor mir auf einmal so ein junger Schnösel. Seinen Platz frei gemacht und über die Schulter ein "Sie können ruhig absitzen" geworfen. Ich? ich bin höflich etwas auf die Seite getreten. Um der alten Schabracke hinter mir ein Durchkommen auf den freien Platz zu ermöglichen. Weil, da musste ja, unbemerkt, doch noch jemand hinter mir eingestiegen sein. Jemand ganz altes. Und der Schüler hat das wohl gesehen. Darum trete ich aus Rücksicht auf die Seite. Um einen fragenden Blick einzufangen. Des Schülers. An mich. Ob ich nicht absitzen wolle.

Ich glaube, Sie wissen jetzt, von welcher Diskrepanz ich spreche. Derer, vom gefühlten inneren und dem effektivem äusserem Alter. Absitzen! Ich! Ich bin doch erst 25zig!!!

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