Zurück in die Vergangenheit


Jetzt gibt es böse Stimmen, die da behaupten, wenn man im Niederdorf lebe, dann sei das sowieso schon Vergangenheit. Übelste. Es gibt aber auch Stimmen, die allen Ernstes behaupten, das dort in Zürich Nord, genannt Glattpark, das sei ein Stadt. Und einen See habe es dort auch. Lassen Sie mich erst kurz mal etwas zu den letzten beiden Behauptungen sagen: Nein! Und noch Mal: Nein! Das in Zürich Nord ist keine Stadt. Und ein See schon gar nicht. Es ist bestenfalls eine Ansammlung architektonisch ganz übler Massenmenschhaltekonstruktionen mit vorgelagerter Kloake. Mir ist schon klar, nicht Jeder kann das Privileg sein eigen nennen, in einer wirklichen Stadt wohnen zu dürfen. An einem echten See gelegen.
See. Im Glattpark. Ich laufe ab und zu, wenn ich denn Bürotag habe, darum herum. Um diesen See. Um mir über Mittag die Beine zu vertreten. Baden habe ich in dem S E E noch nie jemanden gesehen. Auch nicht bei diesen Temperaturen. Da schwimmt niemand. Ausser ein paar verdatterter Enten und so komisches, wolkiges, graugrünes Zeug. Ich will gar nicht wissen, was das ist.
Aber ich schweife ab. Vergangenheit ist das Thema. Und mit dieser konfrontiert zu werden. Nämlich seiner eigenen.
Neben vielen Geschäften, die mehr oder weniger Sinnvolles zu mehr oder weniger überrissenen Preisen, ihrer leichtgläubigen Kundschaft andrehen, gibt es auch noch ein paar wenige unverzichtbare Institutionen. Eine davon ist die Metzgerei meines Vertrauens. Gleich bei mir um's Eck. Quasi. Die ist übrigens auch noch ein Café. Eines der wenigen, das in dieser Weltstadt morgens um 07:00 schon geöffnet hat. Ganz eine eigene Atmosphäre. So zwischen Schüblig, Zimmerpflanzen, Aufschnitt und ersten Kunden, seinen Morgenkaffee zu schlürfen. Sollten sie sich wirklich einmal antun. Aber bitte nicht alle auf einmal. Ich geniesse die Ruhe dort. Und es hat nur zwei Stehtische. Wobei man seinen Kaffee auch nach draussen mitnehmen und auf den Stufen am Brunnen sitzen kann. Und das Niederdorf, morgens um Sieben, noch ohne Touristen oder sonstigen Menschen, das hat etwas. Wirklich. Die Tasse müssen Sie aber wieder zurück bringen. Wir sind ja nicht in Amerika. Wenn sie verstehen, was ich damit sagen möchte.
Kürzlich weilte ich aber aus anderen, profaneren Gründen, in dieser Metzgerei. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich in meiner Lieblingsbar schnöde überrumpelt. In nicht ganz sattelfestem Zustand. Ich gebe es ja zu. Nur so ist es erklärbar, dass ich mich dazu überreden liess, wieder einmal als Koch zu figurieren. Auch dies eine Begegnung mit meiner Vergangenheit.
Und aus eben diesem Grund stand ich in der Metzgerei. Mir gegenüber stand auch einer. Der Metzger himself. Hörte mir zu, nahm meine Bestellung auf und entgegen und bediente gleichzeitig noch eine andere Kundin. Auch eine etwas ältere Dame. Wie ich. Also älter. Nicht Dame. Und wie wir so reden und bestellen und Herr Metzger unsere Wünsche aufbereitete, säbelt er auf einmal zwei dünne Scheiben vom Fleischkäse ab, rollt diese Zusammen und streckt sie uns, der Dame und mir, über seinen Tresen entgegen.
Zum letzten Mal ist mir das passiert vor, Moment, ich muss überlegen, 45 Jahren. In der Dorfmetzgerei meines Heimatortes. Im zarten Altern von 8 Jahren. Der Dame vermutlich auch. Das erklärt unsere wohl etwas verdutzte Reaktion. Und den Blickwechsel. Zuerst auf die Fleischkäserolle. Dann auf den Metzger. Dann auf die Dame. Und dann wieder auf die Rolle. Mit welcher der Metzger auf einmal zu wackeln begann, wie wenn man einen misstrauischen Hund locken will. Wir liessen, Dame und ich, nach dem wir uns untereinander noch einmal mittels Blickkontakt versichert hatten, dass die Rolle wohl nicht vergiftet und unsere Würde nicht in Gefahr sei, locken. Und griffen zu.

Ich war wieder ein achtjähriger Junge. Morgens um Sieben im Niederdorf.....



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